Palästina – Eine unsägliche Tragödie und der Zustand unserer Umma

Palästina – Eine unsägliche Tragödie und der Zustand unserer Umma
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Ich denke, es gibt einen Ort im menschlichen Gehirn, an dem wir uns verstecken, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Und möglicherweise gibt es einen Teil im menschlichen Herzen, an dem wir ewig unbegreifliche Tragödien noch einmal durchleben. Für die Menschen in Palästina heutzutage ist die Tragödie jedoch nicht lediglich ein Bild im Gehirn oder im Herzen! Sie ist die einzige Realität, die sie kennen!

Da ich hilflos dem Blutbad in Palästina zusehe, bin ich mir ebenso unsicher, wo ich hingehen soll. Ich suche nach einem Ort in meinem Gehirn, einem Ort, an dem ich das Sinnlose verstehen und mir vorstellen kann, dass es nicht wirklich geschieht. Ich schwanke zwischen Trauer, Wut, Depression und wieder zurück, doch letztendlich komme ich auf eine unablässige Frage zurück:

Warum passiert uns das? Warum leiden wir überall auf der Welt? Warum sind wir so hilflos und können es nicht stoppen? Warum sind wir in unserem eigenen Land, in dem wir Bürger sind, politisch derart machtlos? Warum schreien wir so laut wir können, schreiben Briefe und rufen Vertreter im Weißen Haus an, nur damit sie gebetsmühlenartig „Israel hat das Recht, sich zu verteidigen“ weiter wiederholen? Warum sind wir in dieser Lage? Warum?

Wir müssen einhalten und wirklich untersuchen, wo wir als Umma (Gemeinschaft) stehen und was aus uns geworden ist! Es gab einst eine Zeit, in der Muslime auf der Welt hochgeschätzt wurden, eine Zeit, in der wir von unseren Freunden geliebt und von unseren Feinden gefürchtet wurden. Heute sind wir zur meist anvisierten, verunglimpften und verhassten Gruppe der Welt geworden. In einer kürzlich durchgeführten Gallup-Meinungsumfrage bekundeten mehr als die Hälfte der Amerikaner, dass ihre Meinung über den Islâm „nicht sehr positiv“ oder „überhaupt nicht positiv“ sei, und 43 Prozent räumten ein, zumindest „einige“ Vorurteile gegenüber Muslimen zu hegen – mehr als der doppelte Prozentsatz, der gegenüber Christen, Juden oder Buddhisten berichtet wurde.

Doch wir werden nicht nur gehasst. Vielerorts werden wir gefoltert, getötet und unserer Habe beraubt. Dort, wo nicht physisch auf uns abgezielt wird, werden wir unserer Rechte beraubt, zu Unrecht beschuldigt und sogar zu Unrecht eingesperrt. Der weitverbreitete Hass gegen Muslime ist in der Tat so stark geworden, dass anti-muslimische Rhetorik zu einer akzeptierten Borniertheit erster Wahl geworden ist.

Diese Situation, in der wir uns als Umma befinden, wurde vor 1.400 Jahren detailliert beschrieben. Der Prophet Muhammad (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte zu seinen Gefährten  möge Allah mit ihnen zufrieden sein: „Die Menschen werden sich bald gegenseitig auffordern, euch anzugreifen, wie Menschen, wenn sie essen, sich gegenseitig einladen, das Essen zu teilen!“ Jemand fragte: „Wird dies wegen unserer geringen Anzahl zu jener Zeit geschehen?“ Er antwortete: „Nein! Ihr werdet zu dieser Zeit zahlreich sein: Doch ihr werdet wie Treibgut, der von einem Wildbach herniedergebracht wird, und Allâh wird die Angst vor euch aus den Herzen eurer Feinde nehmen und »Al-Wahn« in eure Herzen gießen.“ Jemand fragte: „O Gesandter Allâhs: Was ist »Al-Wahn?« Er antwortete: „Die Liebe zum Diesseits und Abscheu vor dem Tod“ (Abû Dâwûd und Ahmad).

Genau wie der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) es prophezeit hat, haben die Menschen sich gewiss gegenseitig aufgefordert, uns anzugreifen, genau wie jemand andere dazu einlädt, das Essen mit ihm zu teilen. In diesem Hadîth beschreibt uns der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) zudem als Treibgut auf dem Wasser. Wenn man einen Sturzbach in der Wüste betrachtet, dann wird man erkennen, dass nach der langen Dürre viel vertrocknetes Gewächs und Zweige fortgetrieben werden, die nur geringe Substanz haben. Dieses Treibgut hat nicht einmal genug Macht, um seine eigene Richtung zu bestimmen. Stattdessen geht es dorthin, wo das Wasser es hinträgt.

Dies ist unser Zustand, wie der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) ihn beschrieben hat. Doch wir müssen auf die Frage „Warum?“ zurückkommen! Der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) liefert eine klare Antwort auf diese Frage. Er erklärt, dass die Herzen voller „Al-Wahn“ sein werden. Als der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) nach der Bedeutung dieser Aussage gefragt wurde, antwortete er mit einigen Worten, die eine tiefsinnige Wirklichkeit beinhalten. Er sagte, es sei „die Liebe zum Diesseits und Abscheu vor dem Tod.“ Der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) beschreibt hier ein Volk, das dermaßen komplett vom Diesseits gefangen genommen ist, dass dies es selbstsüchtig, materialistisch, kurzsichtig und achtlos gegenüber ihrer Begegnung mit Allâh gemacht hat. Er beschreibt ein Volk, das so weltlich geworden ist, dass es seinen sittlichen Charakter verloren hat.

Im Bereich dieses sittlichen Charakters wird sich die Lage eines jeden Volkes ändern – entweder von gut zu schlecht oder von schlecht zu gut. Allâh der Erhabene informiert uns: „Allâh ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist“ (Sûra 13:11). Deshalb ist es der Charakter, der den Zustand eines Volkes von einer Weltsupermacht zum Treibgut in einem Sturzbach verändert. Und nur durch die Veränderung des Herzens und des Charakters kann das, was einst Treibgut in einem Sturzbach war, wieder stark werden.

Deshalb sollten wir als Muslime niemals die Hoffnung verlieren! Allâh der Erhabene verspricht uns Hilfe, doch wir müssen etwas tun! Allâh der Erhabene erinnert uns im Qurân daran, indem Er sagt: „Und werdet nicht schwach noch seid traurig, wo ihr doch die Oberhand haben werdet, wenn ihr gläubig seid“ (Sûra 3:139).

Einzig durch unseren aufrichtigen verinnerlichenden Glauben und durch unser Bestreben wird Allâh der Erhabene unseren Zustand ändern. Für diejenigen, die heute in Palästina bluten, müssen wir als Umma aufwachen und uns wieder Allâh zuwenden!

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