Den Qurân lesen, ohne ihn zu verstehen: eine erzieherische Perspektive
Fatwâ-Nummer: 297601

  • Fatwâ-Datum:8-10-2020
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Frage

Seit längerer Zeit stelle ich mir die Frage, ob das Lesen des Qurâns, ohne dass man irgendetwas von seinen Versen versteht, uns überhaupt Belohnung einbringt. Ähneln wir damit nicht denjenigen, über die Allâh gesagt hat: „Unter ihnen gibt es auch Schriftunkundige, die die Schrift nicht kennen, sondern nur Wunschvorstellungen hegen, und die doch nur Mutmaßungen anstellen“ (Sûra 2:78)?
Ich bin gerade dabei, die Lesung des gesamten Qurâns abzuschließen. Aber mir geht es wie vielen anderen, die nicht die Bedeutung aller Verse des edlen Qurâns verstehen. Sind wir verpflichtet, die Bedeutungen aller Sûren zu verstehen, die wir lesen? In einem Buch über den Islâm habe ich gelesen, dass in früherer Zeit jemand acht Jahre lang die Sûra Al-Baqara las, um sie vollständig zu erlernen.

Antwort

Der Lobpreis gebührt Allâh und möge Allâh Seinen Gesandten sowie dessen Familie und Gefährten in Ehren halten und ihnen Wohlergehen schenken!

 

Die Rezitation des Qurâns ist eine gewaltige Handlung der Gottesverehrung, da der Rezitierende zehn Belohnungen für einen einzigen Buchstaben erhält. So sagte der Gesandte (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken): „Wer einen Buchstaben vom Buche Allâhs liest, der bekommt eine Belohnung, und die Belohnung wird zehnfach gezählt. Und ich sage nicht, dass Alif-Lâm-Mîm ein Buchstabe sei, sondern Alif ist ein Buchstabe, Lâm ein Buchstabe und Mîm ein Buchstabe“ (At-Tirmidhî u.a.; sahîh nach Al-Albânî).

 

Wir haben die Hoffnung, dass jeder diese Belohnung erhält, wenn er den Qurân rezitiert, ungeachtet, ob er seine Bedeutung versteht oder nicht. Im Buche Allâhs und der Sunna Seines Propheten (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) wird die Rezitation des gesamten Qurâns deutlich empfohlen und davor gewarnt, den Qurân zu vernachlässigen. So sagt der Erhabene, indem er eine Aussage des Propheten (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) aufgreift: „Und mir ist befohlen worden, einer der (Ihm) Ergebenen zu sein und den Qurân zu verlesen“ (Sûra 27:91-92). Und ebenso: „Verlies, was dir vom Buch (als Offenbarung) eingegeben wird, und verrichte das Gebet” (Sûra 29:45).

 

Was den in der Frage erwähnten Vers der Sûra Al-Baqara betrifft, gibt es unterschiedliche Interpretationen: Ist mit dem Wort „Amânî“ die Lüge gemeint oder Wunschvorstellungen oder eine bloße Lesung ohne Verständnis? Ibn Kathîr sagt in seinem Tafsîr: „Die Aussage des Erhabenen ‚Unter ihnen gibt es auch Schriftunkundige‘ bezieht sich auf die Schriftbesitzer. Ummiyyûn ist der Plural von Ummî und bezeichnet jemanden, der nicht das Lesen und Schreiben beherrscht. Das geht klar aus dem folgenden Satzteil (die die Schrift nicht kennen) hervor. Auch der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) wird als Ummî bezeichnet, da er nicht lesen und schreiben konnte. Ebenso sagt Allâh der Erhabene: „Und du hast vordem kein Buch verlesen und es auch nicht mit deiner rechten Hand niedergeschrieben. Sonst würden wahrlich diejenigen zweifeln, die (es) für falsch erklären” (Sûra 29:48). In einem Hadîth sagt der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken): „Wir sind eine Gemeinschaft von Schriftunkundigen, wir schreiben und rechnen nicht. Der Monat (Ramadân) ist soundso viel [dabei zeigte er die Anzahl mit der Hand; Anm. d. Ü.] (Muslim). Allâh der Segensreiche und Erhabene sagte: „Er ist es, Der unter den Schriftunkundigen einen Gesandten von ihnen hat erstehen lassen …“ (Sûra 62:2).

Ibn Dscharîr sagte: „Die Araber assoziierten jemanden, der nicht lesen und schreiben konnte (und damit wie ein Neugeborenes war; Anm. d. Ü.) mit seiner Mutter, im Gegensatz zum Vater, bei dem Schriftkundigkeit eher nahelag. Der Ausdruck „Amânî“ wird bei Ibn Abbâs als „Lüge“ interpretiert. Mudschâhid sagte das Gleiche. Er erklärte die Âya folgendermaßen: „Unter den Juden gab es solche, die nichts von der Schrift kannten und daher nur Mutmaßungen anstellten, die gar nicht im Worte Allâhs vorkamen. Sie behaupteten, ihre Worte stammten aus dem Buch Allâhs, weil sie sich das so wünschten und damit muss es als Lüge und Erfindung bezeichnet werden.

 

In einer Überlieferung verwendet Uthmân (möge Allâh mit ihm zufrieden sein) das Wort „tamannaitu“ (gleiche Wurzel wie Amânî) in der Bedeutung „Nicht habe ich mir etwas Falsches ausgedacht oder eine Lüge ersonnen.“

 

Manche sagten das mit dem Ausdruck „illâ amânî“ gemeint sei „sie rezitieren es bloß“. Als Beleg wird der Qurânvers angeführt: „Und Wir sandten vor dir keinen Gesandten oder Propheten, ohne dass ihm, wenn er etwas wünschte (tamannâ), der Satan in seinen Wunsch (umniyya) etwas dazwischengeworfen hätte” (Sûra 22:52). Der Dichter Ka’b ibn Mâlik verwendet in einer Gedichtzeile das Wort „tamannâ“ für „rezitieren“: „Er rezitierte (tamannâ) das Buch Allâhs zu Beginn der Nacht und am Ende (…).”

 

Jeder Muslim soll über die Bedeutung des Qurâns nachdenken und sie verstehen. Er soll sich nicht mit der bloßen Rezitation ohne Verständnis begnügen und sofort nachfragen, wenn ihm etwas Schwierigkeiten bereitet. Schaich Ibn Uthaimîn sagte: „Wir legen allen muslimischen Geschwistern ans Herz, sich in erster Linie mit dem Verständnis des Buches Allâhs des Allmächtigen und seiner Auslegung zu beschäftigen. Dieses Verständnis erlangt man durch Gelehrte, die in ihrem Wissen und ihrer Redlichkeit untadelig sind. Verlässliche Quellen für Qurânexegese sind die Werke von Ibn Kathîr, Schaich Abdurrahmân ibn Sa’dî (Allâh erbarme sich ihrer) und anderer, deren richtige Glaubensgrundlagen und Wissen bezeugt werden. Manche Prophetengefährten (möge Allâh mit ihnen zufrieden sein) lasen gewöhnlich zehn Verse vom Qurân und bemühten sich, diese zu lernen und danach zu handeln, bis sie zu den nächsten Versen übergingen. Die Beziehung des Menschen zum Worte Allâhs des Allmächtigen ist die Beziehung zu Allâh selbst. Der Qurân ist die Rede Allâhs in ihrem Wortlaut und ihrer Bedeutung. Wenn der Mensch vom Qurân nur die Rezitation beherrscht, so ist er wie ein Schriftunkundiger (Ummî).

 

Der zitierte Vers weist zwar darauf hin, dass Personen, die nur die Rezitation können, als Schriftunkundige gelten. Doch das bedeutet nicht, dass wir die Lesung des Qurâns vernachlässigen sollten. Allein die Lesung ist bereits eine Handlung der Verehrung, bei der der Rezitator für jeden Buchstaben, den er liest, zehn Belohnungen erhält.

 

Und Allâh weiß es am besten!

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