Die Grundkonzepte im Islām - Teil 6

23/05/2017| IslamWeb

Das Friedenskonzept

 

Um zu verstehen, wie der Islam die Friedensfrage behandelt, muss man lediglich einige grundlegende islamische Fakten betrachten. Frieden und Islâm werden vom selben Wortstamm abgeleitet und können als synonym betrachtet werden. Einer der Namen Gottes lautet Frieden. Die abschließenden Worte der täglichen Gebete eines jeden Muslims sind Worte des Friedens. Der Gruß der Muslime bei ihrer Rückkehr zu Gott ist „Friede!“. Die täglichen Grußworte unter Muslimen sind Friedensbekundungen. Das Adjektiv „Muslim“ bedeutet in gewissem Sinne friedvoll. Der Himmel ist im Islam die Stätte des Friedens.

 

Derart grundlegend und vorherrschend ist das Thema Frieden im Islâm. Jemand, der sich Gott durch den Islâm nähert, lebt zwangsläufig mit Gott, mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen in Frieden. Indem gute Menschen all diese Werte in sich vereinen, dem Menschen seinen korrekten Platz im Kosmos zuweisen und das Leben aus islamischer Sicht betrachten, gewinnen sie ihre Menschenwürde zurück, um Gleichheit zu erlangen, weltumfassende Brüderlichkeit zu genießen und dauerhaft Frieden zu schaffen.

 

Das Gemeinschaftskonzept

 

Dem Wort Gemeinschaft werden bestimmte Nebenbedeutungen zugeschrieben, die teils romantisch und nostalgisch, teils abfällig und reaktionär sind. Da wir jedoch die Grundlagen behandeln möchten, werden wir unsere Erörterung auf die grundlegendsten Bedeutungen des Wortes Gemeinschaft beschränken.

 

In einem grundlegenden Sinne bedeutet der Begriff Gemeinschaft „Alle Beziehungsarten, die durch ein hohes Maß an persönlicher Intimität, emotionaler Tiefe, moralischen Verpflichtungen, sozialem Zusammenhalt und zeitlicher Kontinuität gekennzeichnet sind…. Sie sind in… Gegenden, Religionen, Nationen, Rassen, Berufen oder (gemeinschaftlichen Angelegenheiten) zu finden. Ihr Archetyp … ist die Familie.“ (Robert Nisbet, The Sociological Tradition - New York: Basic Books, 1996, S. 47-48).

 

In einem weiteren grundlegenden Sinne ist eine Gemeinschaft eine umfassende Gruppe mit zwei Hauptmerkmalen: (1) Sie ist eine Gruppe, in der das Individuum den meisten ihm wichtigen Tätigkeiten nachgehen und die meisten ihm wichtigen Erfahrungen machen kann. (2) Die Gruppe ist durch ein gemeinsames Zugehörigkeits- und Identitätsgefühl verbunden. (L. Broom & P. Selznick, Sociology: A Text with Adapted Readings New York: Harper & Rowe, 1968, S.31). 

 

Der historische Haupttrend war eine Entwicklung von intimen, tiefen und moralischen Gemeinschaftsbeziehungen hin zu unpersönlichen, förmlichen und zweckdienlichen Beziehungen der Massengesellschaft. Diese Entwicklung wurde durch verschiedene Phasen gekennzeichnet und von weitreichenden Folgen geprägt.

 

Aus diesem historischen Trend kann man folgende Rückschlüsse ziehen: Erstens: Diese historische Entwicklung war weder völlig negativ noch vollkommen positiv und konstruktiv. Sowohl negative als auch positive Folgen beeinträchtigten verschiedene Menschen in unterschiedlichem Maße. Zweitens: Die heutige Gesellschaft ist bei weitem nicht vollkommen und es gibt noch viel zu tun. Drittens: Das Menschsein ist weder eine aussichtslose Angelegenheit noch ein hoffnungsloser Fall. Freilich gibt es Krisen und Mühsal, dennoch ist die Lage nicht völlig außer Kontrolle. Letztendlich wurden die Menschen abhängiger voneinander und die menschlichen Gesellschaften stärker miteinander verflochten. Was immer in einem Gesellschaftssegment geschieht, beeinflusst zwangsläufig die anderen. Dies sollte bei der Erörterung des islamischen Gemeinschaftskonzepts berücksichtigt werden!

 

Es darf grundsätzlich behauptet werden, dass das islâmische Gemeinschaftskonzept einige einzigartige Charakteristika aufweist. Diese einzigartigen Merkmale stehen in Zusammenhang mit dem Fundament oder der Grundlage der Gemeinschaft, deren historischen Auftrag und Zweck, deren Status unter anderen Gemeinschaften, deren Identität und deren Fortbestehen.

 

Die islâmische Gemeinschaft basiert nicht auf Rasse, Nationalität, Ort, Beruf, Verwandtschaft oder speziellen Interessen. Sie leitet ihren Namen nicht von einem Führer, Gründer oder Ereignis ab. Sie überschreitet nationale und politische Grenzen. Die Grundlage der islâmischen Gemeinschaft ist das Prinzip der Ergebung in den Willen Allâhs, des Gehorsams gegenüber Seinem Gesetz und des Einsatzes für Seine Sache. Kurz gesagt existiert eine islâmische Gemeinschaft nur dann, wenn sie durch den Islam genährt und gefördert wird.

 

Die islâmische Gemeinschaft hat einen historischen Auftrag, der weit über bloßes Überleben, reine Macht, Fortpflanzung oder physiologisches Fortbestehen hinausgeht. Dieser Auftrag wird im ehrwürdigen Qurân wie folgt beschrieben:

 

Und es soll aus euch eine Gemeinschaft werden, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet. Jene sind es, denen es wohl ergeht. (Sûra 3:104). Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allâh... (Sûra 3:110).

 

Die historische Rolle der islâmischen Gemeinschaft besteht darin, die wahre Verkörperung der Tugend, des Förderlichen und Edlen zu sein. Eine wirklich islâmische Gemeinschaft ist der wachsame Hüter der Tugend und der erbitterte Feind der Untugend. Was von der Gemeinschaft insgesamt verlangt wird, wird gleichermaßen von jedem einzelnen Mitglied verlangt. Dies liegt daran, dass die gesamte Gemeinschaft ein homogenes Gebilde und jedes Mitglied vor Allâh verantwortlich ist. Die Rolle des einzelnen Muslims wird mit folgender Aussage des Propheten bestens beschrieben:

 

Wer von euch etwas Schlechtes sieht, der soll es eigenhändig ändern. Wenn er das nicht kann, dann mit seiner Zunge. Und wenn er das nicht kann, dann mit seinem Herzen. Und dies ist der schwächste Glauben.

 

Wie man sehen kann, ist diese Beschreibung sehr aussagekräftig und umfassend. In der heutigen Zeit revolutionärer Medien kann niemand, der bei vollem Verstand ist, die Macht des abgestimmten Handelns, die Macht der kommunizierbaren Worte oder die Macht der Gefühle unterschätzen.

 

Die historische Rolle der islâmischen Gemeinschaft wird überdies in folgendem Qurân-Vers erklärt:

 

Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr Zeugen über die (anderen) Menschen seiet und damit der Gesandte über euch Zeuge sei… (Sûra 2:143).

 

Eine derartige Zeugenfunktion ist sowohl höchst bedeutsam als auch äußerst anspruchsvoll. Sie bedeutet, dass die islâmische Gemeinschaft beispielhaft sein muss. Sie muss die höchsten Ausführungsstandards setzen und der Bezugspunkt für Andere sein. Sie muss Auswüchse und Extravaganz, statische Unnachgiebigkeit und unmittelbare Verflüchtigung vermeiden. Die vermutlich schwierigste Prüfung für den menschlichen Charakter und die gesellschaftliche Realisierbarkeit besteht darin, einen Mittelweg beim Handeln einzuschlagen, standhaft und konsequent zu sein, zu wissen, was man akzeptieren und was man ablehnen sollte, Prinzipien zu haben und gleichzeitig anpassungsfähig zu bleiben. Darin bestehen jedoch die Funktion der islamischen Gemeinschaft und der historische Auftrag der Muslime. Und genau dieses Kriterium qualifiziert die Muslime dazu, die beste jemals hervorgebrachte menschliche Gemeinschaft zu sein.

 

Die Gemeinschaftsidentität dreht sich um folgende Prinzipien: Beständige Ausgewogenheit, beispielhaftes Verhalten, einheitliches Ziel, gegenseitiges Mitgefühl, Solidarität und Gerechtigkeit. Im Qurân und in der Sunna sind diesbezüglich zahlreiche Aussagen zu finden (beispielsweise 4:135, 21:92, 23:52).

 

Im Hinblick auf das Fortbestehen der islamischen Gemeinschaft sind einige Punkte erwähnenswert: Die Muslime haben die Pflicht, alles im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu tun, um dieses Fortbestehen zu gewährleisten. Die Ehe- und Erbgesetze, die Verpflichtung zur Zakâ und zum Haddsch, die gegenseitigen Rechte und Pflichten der Angehörigen, das individuelle Pflichtbewusstsein und die soziale Zugehörigkeit – all diese Punkte sind auf das gesunde Fortbestehen der islâmischen Gemeinschaft ausgerichtet. Zum anderen verspricht Allâh, dieses Fortbestehen auf verschiedene Weise zu schützen. Erstens verspricht Er, den Qurân zu bewahren und dessen Reinheit zu schützen. (Sûra 15:9).   

 

Dies bedeutet, dass es immer eine den Qurân befolgende Gemeinschaft geben wird, und dass der Qurân nicht ohne Anhänger sein wird, auch wenn es Anhänger anderer Offenbarungsbücher geben mag. Zweitens besteht der Islam an sich weiterhin fort. Immer wenn ein Volk vom Wege Allâhs abkam, formulierte Er Sein Wort neu, bestätigte Seine Wahrheit nochmals und beauftragte neue Propheten oder Reformer damit, weiterzumachen. Drittens sprach Allâh eine strenge Warnung aus, die besagt, dass Muslime die Verlierer sein werden, wenn sie sich vom rechten Pfad abkehren. Allâh wird sie durch ein anderes Volk ersetzen, das nicht wie die erfolglosen Muslime sein wird (Sûra 47:38).

 

Die Gläubigen werden nochmals gewarnt, dass Allâh, wenn sie sich von ihrer Religion abkehren, bald Leute hervorbringen wird, die Er liebt, und die Ihn lieben – bescheiden gegenüber den Gläubigen, stark  gegenüber den Glaubensverweigerern, und die sich auf Allâhs Weg abmühen und nicht den Tadel des Tadlers fürchten (Sûra 5:54).


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