Besonnenheit

Besonnenheit
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Das Verhalten der Menschen in Stresssituationen unterscheidet sich. Manch einen werfen nichtige Dinge um, worauf er in Hast unsinnig handelt. Ein anderer wiederum wird von Härteproben herausgefordert, bewahrt aber trotz deren schmerzhafter Realität seine Vernunft und seinen Charakter.

 

Obwohl die ursprüngliche Veranlagung in der Seele einen großen Einfluss auf den Anteil der Menschen an Impulsivität oder Ruhe, Hast oder Gelassenheit, Bekümmernis oder Reinheit hat, gibt es doch eine ohne Zweifel existierende Verbindung zwischen der Selbstsicherheit einer Person und ihrer Gelassenheit gegenüber den anderen und dem Verzeihen ihrer Fehler. Je höher ein wirklich großartiger Mann am Horizont der Vollkommenheit aufsteigt, desto nachsichtiger und besonnener wird er, ja desto mehr verzeiht er den Menschen und sucht nach Erklärungen für ihre Fehler.

 

Wenn ein Verblendeter versucht, ihm zu schaden, betrachtet er ihn aus seiner hohen Warte, seine Besonnenheit kommt seiner Wut zuvor und seine Vergebung überwindet seine Rache. Er unterdrückt seine Wut, der Anweisung seines Herrn folgend: „… und ihren Grimm zurückhalten und den Menschen verzeihen. Und Allâh liebt die Gutes Tuenden.“ (Sûra 3:134).

 

Bedeutung von Besonnenheit

 

Besonnenheit ist Ruhe und Festigkeit in einer Angelegenheit, seelische Ordnung und Unterdrückung der Wut.

 

Der Besonnene lässt sich nicht von der Wut herausfordern und ist nicht schnell im Strafen, sondern wartet ab und handelt weise.

 

Die Besonnenheit ist eine Eigenschaft unseres Herrn, denn er ist der Besonnene gegenüber Seinen anbetend Dienenden: „... Allâh ist Allwissend und Nachsichtig.“ (Sûra 33:51).

 

Dies bedeutet: Er ist der Geduldige, Den die Sünden der Sünder nicht umwerfen und Den die Wut nicht herausfordert, so dass Er sie schnell straft. Stattdessen öffnet Er ihnen die Tür der Reue oder lässt sie eine Weile, um ihnen den Beweis zu erbringen. Wenn Er sie ergreift, ergreift Er sie mit Recht und Weisheit mit dem Griff eines Unüberwindlichen und Allmächtigen. Der Gesandte Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte: „Wahrhaftig, Allah gewährt dem Ungerechten Aufschub, bis Er ihn ergreift und er Ihm nicht mehr entrinnt.

 

Besonnenheit bedeutet nicht Gemächlichkeit oder Faulheit. Sie ist nur ein Vermittler zwischen zwei Parteien, ein Vorzug zwischen zwei Lastern. Wenn man sie übertreibt, wird sie zu Nachlässigkeit und Faulheit. Ihr Fehlen oder ihre Schwäche führen zu Hast, Leichtsinn und schnellem Zorn. Grundsätzlich gilt es, die Mitte zu wahren.

 

Besonnenheit ist islâmisch und rein logisch lobenswert

 

Besonnenheit ist eine islâmisch und rein logisch lobenswerte Eigenschaft. Der gesunde Verstand versteht die Gefahr des Eifers hinter den Gefühlen und Trieben, hinter den Emotionen und Gelüsten und hinter allem, was den Besonnenen dazu bewegt, extrem zu etwas zu tendieren oder davon abzuweichen. Ebenso kennt er den Vorzug der Bedächtigkeit und des Sich-Zeit-Lassens sowie der seelischen Ordnung und des Nichthastens, was zahlreichen Nutzen und bedeutenden Sinn birgt.

Islâmisch gesehen reicht es der Besonnenheit bereits als Vorzug, dass Allah der Erhabene sich mit ihr beschreibt und nach ihr benennt. Die Besonnenheit ist einer der schönsten Namen und Eigenschaften Allâhs.

 

Allâh lobte Seinen Gesandten (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) für all dessen Charaktereigenschaften. Dazu gehörte die Besonnenheit, die ein Merkmal seines Charakters bildete.

 

Al-Buchârî überlieferte von Anas  möge Allah mit ihm zufrieden sein, dass er sagte: „Als wir mit dem Gesandten Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) in der Moschee waren, kam ein Beduine und urinierte in der Moschee. Die Gefährten des Gesandten Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagten: »Hör auf! Hör auf!« Der Gesandte Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte: »Unterbrecht ihn nicht beim Urinieren! Lasst ihn!«“ Anas sagte: „Ich ließ ihn, bis er das Urinieren beendet hatte. Daraufhin rief ihn der Gesandte Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) zu sich und sagte zu ihm: »Wahrhaftig! Diese Moscheen sind für Dinge wie dieses Urinieren und das Unreine nicht geeignet. Sie sind nur für das Gedenken Allâhs, das rituelle Gebet und die Rezitation des Qurân da.«“ Anas sagte: „Er beauftragte einen Mann unter den Leuten, der einen Eimer Wasser brachte und das Wasser darauf goss.“

 

Al-Buchârî und Muslim überlieferten zudem von Abdullâh ibn Mas´ûd  möge Allah mit ihm zufrieden sein, dass er sagte: „Ich sah den Gesandten Allâhs (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken), wie er von einem der Propheten  Frieden sei auf ihm berichtete. Sein Volk schlug ihn und brachte ihn zum Bluten. Er wischte das Blut aus seinem Gesicht und sagte: »O Allâh, vergib meinem Volk, denn sie wissen nicht!«

 

Welche Barmherzigkeit, welche Vergebung, welche Verzeihung und welche Besonnenheit gleicht dieser Besonnenheit, wenn nicht seine Besonnenheit gegenüber den Stammesangehörigen von Thaqîf, die ihm Schaden zufügten. Als der Engel der Berge ihm unterbreitete, die Achschabân (zwei Berge bei Tâif) auf sie niederzuschmettern, sagte er: „Vielmehr hoffe ich, dass Allâh aus ihren Lenden jemanden entstehen lässt, der einzig Allâh dienend anbetet und ihm nichts beigesellt.“ (Überliefert von Al-Buchârî und Muslim).

 

Seine gewaltige Besonnenheit zeigte sich weiterhin, als Allâh ihm die Macht über die Quraisch gab, er ihnen vergab und sie nicht tadelte, sondern seine berühmten Worte sprach: „Geht, denn ihr seid frei!“

 

Alle Momente herauszusuchen, in denen der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlgefallen schenken) besonnen war, scheint wegen ihrer Häufigkeit selbst dem erprobten Wissenschaftler ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Das Verhalten seiner Gefährten und Gefolgsleute in verschiedenen Situationen erlaubt einen Einblick in diesen Aspekt seines Charakters, sie waren es nämlich, die von ihm lernten und von ihm erzogen wurden.

 

Mu'âwiya sagte eines Tages zu seinem Sohn: „O mein Sohn! Wer vergibt, führt, wer besonnen ist, ist großartig, und wer verzeiht, dem wenden sich die Herzen zu.“

 

Mu'âwiya war für seine Besonnenheit bekannt. Diesbezüglich ist viel von ihm überliefert. Er sagte unter anderem: „Ich verschmähe es, dass es auf der Erde Dummheit gibt, die meine Besonnenheit nicht umfasst, eine Sünde, die meine Vergebung nicht umfasst, oder ein Anliegen, das meine Großzügigkeit nicht übersteigt.“ Dies zeugt von einer Persönlichkeit von hohem Rang.

 

Abdulmalik ibn Marwân zürnte über einen Mann und sagte: „Bei Allâh, wenn Allâh mir Macht über ihn verleiht, werde ich dies und jenes mit ihm machen!“ Als er vor ihm stand, sagte Radschâ ibn Hayawa zu ihm: „O Emir der Gläubigen, Allah hat das getan, was du wolltest, so tu, was Allâh liebt!“ Daraufhin vergab er ihm und ordnete für ihn eine Gabe an.

 

Al-Hasan Al-Basrî ( Allah   erbarme sich seiner ) sagte: „Das beste Gewand, das ein Mensch tragen kann, ist die Besonnenheit. Es ist besser als der teuerste Umhang.“

 

Von Mu'âdh ibn Dschabal ist von Anas über den Propheten überliefert, dass er sagte: „Wer Wut unterdrückt, obwohl er in der Lage ist, ihr freien Lauf zu lassen, den ruft Allâh am Jüngsten Tag an die Spitze der Geschöpfe, um ihn unter den Huris wählen zu lassen, welche er möchte.

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