Nachsichtigkeit und Edelmut: Die Fehler der Mitmenschen übersehen – Teil 2

Nachsichtigkeit und Edelmut: Die Fehler der Mitmenschen übersehen – Teil 2
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Der Islâm ermuntert uns, die Fehler der Muslime zu verbergen und warnt uns vor ungerechtfertigten Verdächtigungen. Allâh der Erhabene sagt: „Diejenigen, die es lieben, dass sich das Abscheuliche unter denjenigen, die glauben, verbreitet, für sie wird es schmerzhafte Strafe geben im Diesseits und Jenseits. Allâh weiß, ihr aber wisst nicht“ (Sûra 24:19). Er fordert uns auch auf, die Fehler und Ausrutscher der Menschen zu übersehen und so zu tun, als hätten wir sie nicht bemerkt.

Über die Tugend des Hinwegsehens überliefert Al-Baihaqî in „Manâqibu l-Imâm Ahmad“ unter Berufung auf Uthmân ibn Zâ'ida (Allâh erbarme sich ihrer): „Wohlbehaltensein besteht aus zehn Teilen. Neun liegen darin, die Fehler der anderen gnädig zu übersehen." Er fügte hinzu: „Ich berichtete dies Ahmad ibn Hanbal, der darauf sagte: ‚Wohlbehaltensein besteht aus zehn Teilen und alle liegen im gnädigen Übersehen der Fehler der anderen!‘“

Die frühen Araber beschrieben edle Menschen so, dass sie gnädig die Fehler anderer übersehen und schamhaft und zurückhaltend seien, wenn es um die Privatsphäre in anderen Häusern und öffentlichen Versammlungen gehe. Ein arabischer Dichter sagte: „Er ist zurückhaltend, von lobenswerter Schüchternheit. Man könnte annehmen er sei schwach vor Krankheit, obwohl er vollkommen gesund ist.“ Bei einem anderen Dichter heißt es: „Edel ist er, geflissentlich senkt er den Blick vor den Fehlern der Menschen in der Privatsphäre ihres Hauses. Doch furchtlos ist er und mutig auf dem Schlachtfeld."

Der Dichter Kuthayyir sagte: „Ignoriert man nicht die Fehler seines Freundes und einige seiner Schwächen, wird dieser ihm bis an sein Totenbett Vorwürfe machen. Wer jeden Ausrutscher anderer begierig verfolgt, wird er diese finden, doch keinen Freund wird er haben!“ Ibn Al-Athîr beschreibt Salâhuddîn Al-Ayyûbî: „Er (Allâh erbarme sich seiner) war nachsichtig, von bestem Charakter und demütig. Geduldig gegenüber dem, was ihm missfiel. Die Fehler seiner Freunde ignorierte er. Wie oft hörte er von ihnen, was er verabscheute, doch ließ er sich nichts anmerken und änderte auch nicht seine Haltung zu ihnen.“

Das sind gewiss die charakterlichen Eigenschaften edler und würdiger Menschen. Strebt man nach einem glücklichen Leben und will die Liebe der Menschen gewinnen und als edel gelten, so sollte man sich diese Werte aneignen. Die Araber zitierten häufig diesen Vers: „Klug ist nicht, wer unter seinen Leuten als Sayyid (Anführer) herrscht. Sayyid unter seinen Leuten ist, wer vorgibt, ihre Fehler nicht zu bemerken.“

Es wird von Aischa (möge Allâh mit ihr zufrieden sein) berichtet: „Eines Tages saßen elf Frauen zusammen und versprachen sich gegenseitig, über ihre Ehegatten zu sprechen und dabei nichts zu verheimlichen. Eine von ihnen sagte: „Mein Mann ist wie ein Leopard, wenn er das Haus betritt und wie ein Löwe (d. h. mutig), wenn er es verlässt. Und er fragt nicht nach dem, was er im Haus lässt“ (d. h. er sucht nicht nach Fehlern; Al-Buchâri, Kapitel: „Guter Umgang mit der Familie“). Als eine der Eigenschaften des Leoparden gilt, dass er viel schläft. Im alten Arabisch war dies im positiven Sinne ein Hinweis auf die Unaufmerksamkeit bei dem, was um einen herum passiert.

Denke daran, lieber Leser, an all das, was in den letzten Nächten und Tagen vorgefallen ist. Überdenke dein Verhalten gegenüber deinen Familienmitgliedern, Freunden, Schülern und Lehrern, ob du ihre Fehler übergangen oder sie für jede unbedeutende Sache verantwortlich gemacht hast. Wenn du die Ausrutscher und Irrtümer in der Vergangenheit nicht übersehen hast, so liegen in den verbleibenden Jahren deines Lebens viele Chancen, die es wert sind, genutzt zu werden. Du kannst sie nutzen, indem du dich tolerant verhältst und die Unvollkommenheiten der Menschen ignorierst.

In einem Gedicht heißt es: „Nie wirst du die Freundschaft deines Mitbruders aufrechterhalten, wenn du nicht ihre unbedeutenden Mängel verträgst. Makellos zu sein – das gibt es nicht!“ Das gnädige Übersehen der Fehler gehört zu wahrem Edelmut und ist eine Gnade, die Allâh der Erhabene gewährt, wem Er will. Wir bitten Allâh den Erhabenen, uns mit Seiner reichlichen Gnade zu segnen!
 

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