Abhandlung über die Worte des Erhabenen: „Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist…

Abhandlung über die Worte des Erhabenen: „Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist…
3692 1381

Im Qurân lesen wir die folgenden Worte Allâhs, des Erhabenen: ’’Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist, dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen. Dir ist ja die Wahrheit von deinem Herrn zugekommen, so gehöre nun nicht zu den Zweiflern.’’ (Sûra 10:94) Auf diesen Vers folgt der Bericht über Mûsâ  Frieden sei auf ihm , die Israeliten und Pharao und den Ausgang dieser Geschichte. Jener Vers wirft zwei Fragen auf: Erstens, dass jener Vers den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken des Zweifels zu bezichtigen scheint, obwohl ein solcher Zweifel in Bezug auf den Propheten unmöglich ist. Zweitens, in welcher Weise die an den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken gerichteten Worte Allâhs, des Erhabenen, ’’Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist …’’ mit Seinen Worten zu den Ungläubigen in Zusammenhang stehen: ’’Und sie sind darüber fürwahr in einem starken Zweifel.’’ (Sûra 11:110)

 
Mit diesen beiden Fragen und den Erläuterungen zu diesem Vers werden wir uns im Folgenden beschäftigen, beginnend mit dem Imâm At-Tabarî. Dieser sagt über jenen Vers, dass hier der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken angesprochen ist und dass diese wörtlich und nicht im übertragenen Sinne gemeint sei. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Überlieferungen, die sich auf den Vers beziehen. So sagte Ibn Abbâs  möge Allah mit beiden zufrieden sein über den Vers „dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen’’, dass damit jene gemeint seien,die die Thora und das Evangelium lasen und Muhammad  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken als Propheten erkannten und an ihn glaubten. Im Sinne von: Frag diese Leute der Schrift, wenn du im Zweifel darüber bist, dass dein Kommen in ihren Schriften verzeichnet ist. Hinzu kommt noch eine Überlieferung von Ibn Zaid bezüglich dieses Verses: ’’Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist, dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen.’’ Er sagte dazu: „Es ist Abdullâh ibn Salâm, der zu den Leuten der Schrift gehörte und an den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken glaubte.“ Und in dem, was von Ad-Dahâk überliefert wird, der sagte, dass mit ’’diejenigen, die vor dir die Schrift lesen’’ die Gläubigen und Gottesfürchtigen unter den Leuten der Schrift gemeint seien, die den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken als solchen erkannten.
 
At-Tabarî fährt fort: Wenn nun jemand in Anbetracht dieses Verses fragt, ob denn der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken etwa Zweifel daran hatte, dass das ihm Offenbarte tatsächlich wahr und gewiss sei, so ist diesem zu antworten: Nein, der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken war frei von jeglichem Zweifel. At-Tabarî verweist auf das, was diesbezüglich überliefert wurde, wie die Worte von Sa´îd ibn Dschabîr, als er zu den Worten ’’Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist’’ befragt wurde und sagte: „Der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken zweifelte nicht und er fragte nicht.“ Ebenso die Überlieferung von Qatâda: „Uns wurde in Erinnerung gerufen, dass der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken sagte: Ich zweifle nicht und frage nicht.“
 
At-Tabarî beantwortet also die Fragen, die zu diesem Vers aufkommen könnten und beantwortet die Frage nach dem Zweifel des Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken . In diesem Zusammenhang weist er auch darauf hin, dass die Worte in diesem Vers der wohlbekannten und üblichen Ausdrucksweise der Araber entsprechen. Ein Hinweis darauf ist, dass es bei den Arabern üblich war, dass ein Besitzer zu seinem Diener sagt: „Wenn du mein Diener bist, so gehorche meinem Befehl.“ Dem Diener wird befohlen und der Herr zweifelt nicht etwa daran, dass dieser sein Diener sei. Im gleichen Sinne sind die Worte eines Mannes zu seinem Sohn zu verstehen: „Wenn du mein Sohn bist, dann gehorche mir.“ Auch er zweifelt nicht, dass der Angesprochene sein Sohn ist. Dazu führt er auch Beispiele aus dem Qurân an: ’’Und wenn Allâh sagt: O Îsâ, Sohn Maryams, bist du es, der zu den Menschen gesagt hat: Nehmt mich und meine Mutter außer Allâh zu Göttern?’’ (Sûra 5:116) Allâh, der Allmächtige, wusste natürlich, dass îsâ dergleichen nie behauptete. Das heißt, auch dieser Vers muss ebenfalls so verstanden werden.
 
At-Tabarî schließt mit den folgenden Worten: „Der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken zweifelte keineswegs an der Wahrheit und Echtheit der Botschaft Allâhs und wusste um dessen Befehl. Allâh, der Allmächtige, richtete Seine Worte so an den Propheten, dass sie der Sprache seines Volkes entsprachen. Der Qurân wurde in ihrer Sprache offenbart und so sah At-Tabarî, dass selbstverständlich auch die Worte in diesem Vers darauf hinweisen, dass der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken keineswegs zweifelte, dass die Ausdrucksweise dieses Verses der üblichen Ausdrucksweise der Araber entsprach und dass hierin überhaupt kein Einwand gegen den Qurân besteht.
 
Der Imâm Az-Zamachscharî meint über diesen Vers, dass die darin enthaltenen Worte als Annahme oder Hypothese zu sehen sind, nicht als Feststellung. Sie seien im übertragenen Sinne zu verstehen. Der Begriff des Zweifels findet sich auch in einem anderen Vers und hier im eigentlichen Sinne des Wortes: ’’Und sie sind darüber fürwahr in starkem Zweifel.’’ (Sûra 41:45) Er entgegnet diesbezüglich: „Es besteht ein enormer Unterschied zwischen den Worten ’’Und sie sind darüber fürwahr in starkem Zweifel.’’, in denen der Zweifel betont und offensichtlich ist und den Worten ’’Wenn du über das, was Wir zu dir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, im Zweifel bist’’ im Sinne einer Annahme oder eines Beispiels. So als ob es heißen würde: Sollten dir je Zweifel kommen, sollte der Schaitân versuchen, dich zu täuschen, ’’dann frag diejenigen, die vor dir die Schrift lesen.’’ Denn das Kommen des Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken ist in der Thora und im Evangelium erwähnt und die Leute dieser Schriften kennen Muhammad, so wie sie ihre eigenen Söhne kennen. Ihr Wissen wird durch den Qurân und das Prophetentum Muhammads  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken bestätigt. So sagt er weiter: Solltest du jemals zweifeln, so suche rasch nach einer Lösung und Klärung, indem du entweder zu den Grundlagen der Religion und deren Beweisen zurückkehrst oder dich an die einsichtigen Schriftgelehrten der Offenbarungsbücher wendest. Sie besitzen Kenntnis über die Richtigkeit dessen, was dir an Berichten offenbart wurde, wenn sie hierüber Bescheid wissen.
 
Das bedeutet der Vers, laut Zamachscharî. Der Vers will also das tiefe Wissen der Gelehrten unter den Juden und Christen über die Wahrhaftigkeit der offenbarten Geschichten hervorheben und nicht die Zweifel des Propheten daran darlegen.
 
Der Imâm Râzî schrieb eine sehr lange Erläuterung zu diesem Vers, beginnend damit, dass sich dieser hauptsächlich an zwei Personen richtet:
 
Zunächst an den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken , wie wir dies auch aus anderen Versen kennen: ’’O Prophet, fürchte Allâh und gehorche nicht den Ungläubigen und den Heuchlern’’ (Sûra 33:1) Und ebenso: ’’Wenn du (Allâh andere) beigesellst, wird dein Werk ganz gewiss hinfällig’’ (Sûra 39:65) Und: ’’Und wenn Allâh sagt: Oh Isâ, Sohn Maryams, bist du es, der zu den Menschen gesagt hat: Nehmt mich und meine Mutter außer Allâh zu Göttern?’’ (Sûra 5:116) Es entspricht den Worten jenes bekannten arabischen Sprichwortes:"Dich spreche ich an, jedoch soll meine Nachbarin es hören."
 
Ar-Râzî versteht den Vers also, wie aus seinen Worten deutlich wird, in diesem Kontext und stützt sich dabei auf folgende Hinweise:
 
- ’’O, ihr Menschen, wenn ihr über meine Religion im Zweifel seid … ’’ (Sûra 10:104) Hier handelt es sich offensichtlich um eine allgemeine Erklärung und nicht um Zweifelsäußerungen.
 
- Die Ausdrucksweise des Verses entspricht der üblichen Sprechweise der Araber. Als Beispiel diene hier der Fall eines Herrschers, der einen Emir hat, dieser Emir hat wiederum Untertanen; will der Sultan einen Befehl erteilen will, richtet er diesen nicht direkt an die Untertanen, sondern an den Emir, den er ernannte. Somit ist die Anordnung wirksamer und wird besser ausgeführt.
 
In diesem Sinne meint der Imâm Ar-Râzî, dass der Vers sich rein äußerlich an den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken richtet, aber die gesamte Gemeinschaft der Muslime gemeint ist.
 
Der andere Aspekt, den Ar-Râzî hier erwähnt, ist dass der Vers an eine andere Person gerichtet ist. Wie auch in den Worten: ’’O Mensch, was hat dich hinsichtlich deines edelmütigen Herrn getäuscht, Der dich erschaffen und da(bei) zurechtgeformt und wohlgebildet gemacht hat.’’ (Sûra 82:6-7) Ebenso: ’’O Mensch, du mühst dich hart zu deinem Herrn hin’’ (Sûra 84:6) Auch die Worte: ’’Wenn dem Menschen Unheil widerfährt’’ (Sûra 39:49) In all diesen Versen richtet Sich Allâh, der Erhabene, nicht an einen einzelnen Menschen, sondern an die Gesamtheit der Menschen, und genau so verhält es sich mit dem Vers, den wir vor uns haben. Darum bedeutet dieser: Wenn ihr Menschen Zweifel hegt über die Rechtleitung, die Wir auf Muhammad herabgesandt haben, dann fragt die Leute der Schrift, die seine Prophetenschaft bezeugen werden. Richten sich die Worte des Erhabenen auch an einen Einzelnen, so sind doch die Menschen in ihrer Gesamtheit damit gemeint.
 
Auch Ibn Taimiya vertritt eine ähnliche Meinung wie At-Tabarî und Ar-Râzî: Er sagt, dass sich die Worte in jenem Vers zwar an den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken richten, damit aber alle Menschen gemeint seien. Er verweist darüber hinaus auf jene unter Gelehrten allgemein anerkannte Regel, dass alle an den Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken gerichteten Worte, seien es Befehle, Gebote oder Verbote, sich an die Gesamtheit der Muslime richten. Wie zum Beispiel die Worte des Erhabenen: ’’Wenn du (Allâh andere) beigesellst, wird dein Werk ganz gewiss hinfällig’’ (Sûra 39:65) Oder: ’’Wenn du nun fertig bist, dann strenge dich an’’ (Sûra 94:7)Auch: ’’Sag: Wenn ich irregehe, gehe ich nur zu meinem eigenen Nachteil irre.’’ (Sûra 34:50) Und ähnliche Verse. Gemeint ist immer die Gesamtheit der Muslime. Wenn es jedoch einen klaren Hinweis gibt, dass allein der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken angesprochen ist, so fällt die Gesamtheit der Muslime als Ziel weg, wie in den Worten: ’’Dies ist dir vorbehalten unter Ausschluss der (übrigen) Gläubigen.’’ (Sûra 33:50)
 
Der hier besprochene Vers richtet sich also laut Ibn Taimiya an die Umma als Ganze, auch wenn mit den Worten selbst der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken angesprochen ist.
 
Nun bleibt nur noch die Frage offen, worin denn überhaupt der Nutzen liegt, diesen Vers bis ins kleinste Detail zu ergründen. Die Antwort darauf gibt Ar-Râzî, der sagt, dass der Nutzen der Herabsendung dieses Verses auf den Propheten gerade in dieser Form darin liegt, die Gewissheit und das Vertrauen zu stärken. Darum legte Allâh in Seinem Buch viele Beweise für Seine Einzigartigkeit und die Prophetenschaft dar.
 
Abschließend ist noch zu sagen, dass all das, was hier an Erläuterungen der namhaften Gelehrten über den betreffenden Vers angeführt wurde, zum rechten und klaren Verständnis dieses Verses beiträgt. Denn der Prophet  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken kannte keinerlei Zweifel. Die ist für den Propheten an sich unmöglich, gar nicht zu sprechen davon, dass sich ein solcher Zweifel tatsächlich ereignet haben sollte, was auch in den hier angeführten Überlieferungen klar zum Ausdruck kommt.  
 

Verwandte Artikel