Die Umayyaden

Die Umayyaden
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Der Wechsel der Macht in Damaskus, der umayyadischen Hauptstadt, sollte tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung der islâmischen Geschichte haben. Es war zumindest eine stille Anerkennung des Endes einer Ära. Die ersten fünf Kalifen waren ohne Ausnahme Gefährten des Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken – fromme, aufrichtige Männer, die bescheiden in normalen Häusern wie ihre Nachbarn lebten. Sie bewahrten trotz des massiven Zustroms von Reichtum aus den eroberten Gebieten die einfachen Gewohnheiten ihrer Vorfahren. Mit dem Regierungswechsel nach Damaskus änderte sich viel.

 
In den Anfangsjahren des Islâm basierte die Ausweitung der islâmischen Herrschaft auf dem unkomplizierten Wunsch, das Wort Allâhs zu verbreiten. Obwohl die Muslime kämpften, wenn sie auf Widerstand trafen, zwangen sie ihre Feinde nicht zur Annahme des Islâm. Im Gegenteil, die Muslime erlaubten den Christen und Juden, ihren Glauben zu praktizieren. Die vielen Konversionen zum Islâm fanden statt, weil die Andersgläubigen den reinen und unkomplizierten Glauben der frühen Muslime sahen.
 
Mit dem Kommen der Umayyaden dominierten jedoch weltliche Probleme, die in der Verwaltung eines für damalige Verhältnisse sehr großen Reiches verbunden waren. Die Aufmerksamkeit der Kalifen war oft auf Kosten religiöser Anliegen auf diese weltlichen Probleme gerichtet - eine Entwicklung, die viele fromme Muslime störte. Das bedeutet jedoch nicht, dass religiöse Belange ignoriert wurden, im Gegenteil, die religiösen Angelegenheiten wurden sogar gefördert. Aber sie waren nicht immer im Vordergrund. Seit der rechtgeleitete Kalif Al-Hasan ibn Alî  möge Allah mit ihnen zufrieden sein abdankte und Mu'âwiya  möge Allah mit ihm zufrieden sein somit das ganze Reich überließ, erforderten die politischen Unruhen und das große Reich die ganze Aufmerksamkeit des Kalifen.
 
Mu´âwiya  möge Allah mit ihm zufrieden sein war ein fähiger Verwalter, und selbst seine Kritiker geben zu, dass er sehr großen Edelmut besaß – eine Eigenschaft, die als zivilisierte Zurückhaltung definiert werden kann, und die er selbst einmal mit den folgenden Worten beschrieb: „Ich wende mein Schwert nicht da an, wo meine Peitsche ausreicht, noch meine Peitsche da, wo meine Zunge reicht. Und selbst wenn nur ein Haar mich mit meinen Mitmenschen verbindet, dann lasse ich es nicht reißen: Wenn sie ziehen, gebe ich nach, und wenn sie nachgeben, ziehe ich.“
 
Dennoch war es Mu´âwiya  möge Allah mit ihm zufrieden sein nie möglich, sich mit den Gegnern seiner Herrschaft zu versöhnen, noch den Konflikt mit den Schiiten und den Chawâridsch zu lösen. Diese Probleme waren zu dessen Lebzeiten noch nicht so gefährlich, aber nachdem er im Jahre 680 starb, nahmen die angeblichen Anhänger Alîs wieder einen komplizierten aber beständigen Kampf auf, der die Umayyaden für die nächsten 70 Jahre plagte und sich mit der Zeit nach Nordafrika und Spanien ausdehnte.
 
Die Umayyaden schafften es jedoch in gewissem Maße das Reich zu stabilisieren, vor allem nachdem Abdulmalik ibn Marwân den Treueid im Jahre 685 annahm. Als sein Vorgänger Marwân gestorben war, wurde Abdullâh ibn Az-Zubair, der kein Umayyade war, einstimmig der Treueid zum Kalifat gegeben, doch einige Umayyaden hielten verbittert daran fest, dass ein Umayyade den Thron einnehmen müsse. Wie die Umayyaden vor ihm war Abdulmalik gezwungen, einen Großteil seiner Regierungszeit politischen Problemen zu widmen. Aber er führte auch sehr nötige Reformen ein. Er befahl die Säuberung und Wiedereröffnung der Kanäle, welche das Tigris-Euphrat-Tal bewässerten – ein Schlüssel zum Wohlstand Mesopotamiens seit der Zeit der Sumerer. Er führte auch den Gebrauch des indischen Wasserbüffels in den Sumpfgebieten ein und prägte eine Standardmünze, die die byzantinischen und sassanidischen Münzen ersetzte, welche bis dahin die einzigen Währungen im Umlauf waren. Abdulmaliks Organisation der Diwane (Staatsprotokolle) war auch sehr wichtig. Er sorgte für ein System, das später die Abbasiden und alle anderen islâmischen Staaten übernahmen und ausarbeiteten. Es gab bestimmte Agenturen, die mit dem Sammeln von Zahlungsunterlagen beauftragt wurden, andere beschäftigten sich mit der Steuereintreibung. Abdulmalik errichtete ein System für die Postrouten, um seine Kommunikationen durch das weit reichende Reich schnell auszuführen.
 
Eine sehr wichtige Neuerung war die Einführung des Arabischen als Verwaltungssprache und ersetzte so Griechisch und Pahlavi.
 
Unter Abdulmalik konnte sich der islâmische Machtbereich ausdehnen. Das Reich grenzte nun im Osten bis nach Transoxanien, einem Gebiet nördlich des Oxus Flusses im heutigen Russland, und bis zu den Grenzen Chinas. Im Westen kamen sie bis nach Nordafrika, indem sie den Feldzug des Uqba ibn Nâfi weiterführten. Dieser gründete die Stadt Kairawan im heutigen Tunesien. Von dort aus ritten sie bis an die Küste des atlantischen Ozeans.
 
Diese territorialen Bereicherungen brachten die Muslime in Kontakt mit ihnen zuvor unbekannten Völkern, die den Islâm annahmen und später den Kurs der islâmischen Geschichte beeinflussen würden. Die Berber Nordafrikas, die sich der Herrschaft der Araber widersetzten, aber bereitwillig den Islâm annahmen, schlossen sich später Mûsâ ibn Nusair und seinem General Târiq ibn Ziyâd an, als sie den Straße von Gibraltar in Richtung Spanien überquerten. Die Berber starteten Reformbewegungen in Nordafrika, welche die islâmische Zivilisation sehr beeinflussten. Im Osten brachte die umayyadische Herrschaft in Transoxanien die Araber in Kontakt mit den Türken, die wie die Berber den Islâm annahmen und allmählich seine zuverlässigen Verteidiger wurden. Die umayyadische Expansion erreichte auch die altertümliche Zivilisation Indiens, dessen Literatur und Wissenschaften die islâmische Kultur sehr bereicherten.
 
In Europa betraten währenddessen die Muslime Spanien, besiegten die Westgoten und erreichten im Jahre 713 Narbonne in Frankreich. In den nächsten Jahrzehnten unternahmen angreifende Truppen Streifzüge ins Innere Frankreichs und im Jahre 732 erreichten sie das Loire Tal, das nur 170 Meilen von Paris entfernt ist. Dort wurden die Muslime in der Schlacht von Tours (oder Poitiers) von Karl Martel gestoppt. Diese Schlacht nannten die Muslime "Balât As-Schuhadâ" – das Märtyrerfeld.
 
Einer der herausragenden umayyadischen Kalifen war Umar ibn Abdulazîz, ein Mann, der sich sehr von seinen Vorgängern unterschied. Er war ein Mitglied der umayyadischen Familie, wurde in Madîna geboren und erzogen, wo er seinen ersten Kontakt mit den Gelehrten hatte, die ihn religiös wie auch politisch sehr prägten. Umar erfuhr so von der Kritik, welche die Gelehrten in Madîna und anderen Städten gegen die umayyadische Politik äußerten – vor allem das Luxusleben der Herrscherfamilie. Deshalb begann Umar die Politik seiner Vorgänger zu reformieren, indem er unter anderem die Abgabe einer Kopfsteuer für Konvertiten und die hohen Gehälter der umayyadischen Staatsdiener abschaffte.
 
Derartige Reformen reduzierten das Einkommen des Staates, aber da bereits Umar ibn Al-Chattâb  möge Allah mit ihm zufrieden sein so handelte und da Umar ibn Abdulazîz die Regierungspolitik mit der Praxis des Propheten in Einklang bringen wollte, konnten sogar die Feinde seines Regimes diesen frommen Mann nur loben. Doch brachte er die eher weltlich gesinnten Umayyaden gegen sich auf, seine Regierungszeit dauerte nur etwa zweieinhalb Jahre. Man geht davon aus, dass er von machtgierigen Verwandten ermordet wurde.
 
Der letzte große umayyadische Kalif war Hischâm, der vierte Sohn von Abdulmalik, der das Kalifat übernahm. Seine Regierungszeit war lang – von 724 bis 743 – und während dieser Zeit erreichte das islâmische Reich sein größtes Ausmaß. Aber weder er, noch die vier Kalifen, die ihm folgten, waren politisch versiert genug, um den Anforderungen der Zeit die Stirn zu bieten. Als im Jahre 747 Revolutionäre in Chorasan die schwarze Flagge der Rebellion hissten, war das Ende der umayyadischen Dynastie fast schon besiegelt.
 
Obwohl die Umayyaden ihre neue Heimat in Syrien bevorzugten, war ihre Herrschaft nicht ohne Errungenschaften. Manche der schönsten existierenden Gebäude in der muslimischen Welt wurden durch ihre Anordnung erbaut – Gebäude wie die Umayyadenmoschee in Damaskus, dem Felsendom in Jerusalem und den luxuriösen Landpalästen in den Wüsten Syriens, Jordaniens und des Iraks. Sie organisierten auch eine Bürokratie, die die komplexen Probleme des großen und so unterschiedlichen Reiches bewältigen konnte, und machten das Arabische zur offiziellen Amtssprache. Die Umayyaden förderten außerdem Poeten wie Abdullâh ibn Al Muqaffa und Abdulhamîd ibn Yahyâ Al-Kâtib, deren klare beschreibende arabische Prosa kaum übertroffen wurde.
 
Die Umayyaden festigten während ihrer neunzig Jahre dauernden Dynastie ihr Reich und ihre Herrschaft. Es handelte sich also um eine Monarchie und kein Kalifat. In den letzten Jahren ihrer Dynastie formten ihre Gegner eine geheime Organisation, die sich der dringenden Forderung nach dem Kalifat für den Nachfolger von Al-Abbâs ibn Abdulmuttalib  möge Allah mit ihm zufrieden sein aussprach, einem Onkel des Propheten  möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken . Geschickt vorbereitet sammelte diese Organisation für ihren Zweck viele ebenso verfeindete Gruppen in Chorasan und dem Irak und proklamierten Abû Al-Abbâs zum Kalifen. Marwân ibn Muhammad, der letzte umayyadische Kalif, wurde besiegt und die Syrier, die immer noch loyal gegenüber den Umayyaden blieben, wurden zerschmettert. Nur ein Mann von Wichtigkeit entging der Katastrophe: Abdurrahmân ibn Mu´âwiya Ad-Dâchil, ein junger Prinz, der mit seinem treuen Diener nach Spanien floh und dort im Jahre 756 eine umayyadische Dynastie errichtete, die noch einige Zeit fortbestand.

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