Der Tag, an dem ich starb - Teil 1

Der Tag, an dem ich starb - Teil 1
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Das Leben ist nicht vorhersehbar. Jedoch dachte ich immer, ich wüsste, was als Nächstes kommt. Es geschah vor sechs Tagen. Ich war mit meinen beiden Freunden Mâlik und Umar auf dem Weg nach Hause. Es war eine Halloween-Nacht. Wir kamen gerade aus dem Kino und hatten den Film „Saw 3“ genossen. Als ich einen Blick auf die Uhr warf, hatten wir bereits 23:46 und ich begriff, dass ich mein Ischâ-Gebet noch nicht verrichtet hatte. Ich ließ mir aber nichts anmerken, um die Laune meiner Freunde nicht zu verderben. Noch vor drei Stunden schob ich mein Ischâ-Gebet auf, so dass ich es nach dem Film verrichten wollte. Mittlerweile rennt mir die Zeit davon.

 

Ich lebte lediglich 26 Jahre lang. Mein 27. Geburtstag war genau vor zwei Wochen. Ich dachte immer, ich würde sehr lange leben. Zumindest bis zum 60. Lebensalter. Es war einfach unvorstellbar, dass mich ein so plötzlicher und unerwarteter Tod erfassen könnte. Ich absolvierte vor drei Jahren die Universität in Frankfurt und erlangte einen Titel, der in meiner jetzigen Lage absolut wertlos ist. Kurz nach dem Abschluss bekam ich einen Job als Marketingdirektor in einer großen Textilfirma. Neben den üblichen Problemen, die gewöhnliche Menschen ja auch haben, führte ich im Grunde ein normales Leben. Meine Freundin, mit der ich seit vier Jahren zusammen bin, drängte mich dazu, endlich ein gemeinsames Heim zu organisieren. Ich wusste zwar, dass ich keine Freundin haben sollte, aber irgendwie genoss ich ihre Freundschaft und das Beisammensein mit ihr. Ich war noch nicht bereit, darauf zu verzichten. Ich redete mir ständig ein, dass ich sie womöglich irgendwann heiraten würde. Und was sind schon ein paar Jahre in Sünde, wenn ich selber auch in die Jahre komme. Meine Arbeit, meine Freundin und meine Freunde fürs Leben füllten meine ganze Zeit.

 

Es schien, als hätte ich nie Zeit für die Verrichtung des rituellen Gebetes. Ich hatte nicht einmal genug Zeit, mich hinzusetzen und zu essen. Die Verrichtung des rituellen Gebetes war schon immer etwas, das mich ständig nervte. Je mehr ich meine Gebete hinausschob, desto mehr verärgerte es mich. Ich strengte mich sehr an, um meiner Pflicht nachzukommen, aber in den letzten zwei Jahren meines Lebens habe ich aufgegeben. Die Verrichtung des rituellen Gebetes habe ich beinahe komplett eingestellt.

 

Die Ereignisse in „Saw 3“ waren ja nur ein Spaziergang durch den Rosengarten im Vergleich zu dem, was mich erwartete. Ich fuhr mit 140 Stundenkilometern auf der Schnellstraße. Um 12 Uhr Mitternacht betrachtet man 140 Sachen nicht als Geschwindigkeitsüberschreitung.

 

Umar schaltete ständig von einem Radiosender zum nächsten um und suchte dabei ein Lied, das er mochte. Mâlik schlief bereits auf dem Rücksitz. Selbst ich begann langsam einzunicken. Nach einem Fünf-Sekunden-Nickerchen riss es mich aus dem Schlummer. Ich versuchte soweit es geht, wach zu bleiben und gegen meine müden Augen anzukämpfen. Dennoch döste ich erneut. Umar schrie entsetzt: „Nein!“ Es war aber schon zu spät. Es geschah, was geschehen sollte. Das Auto stieß gegen die Leitplanke und wurde in den Verkehrsfluss zurückgeschleudert. Ein anderes Auto fuhr gegen meine Tür. Und auch dieses Auto wurde von einem weiteren Fahrzeug gerammt. Etwa 100 Meter von der Kollisionsstelle entfernt, kam es schließlich irgendwo in der Fahrbahnmitte zum Stillstand. Ich fühlte keinen Schmerz. Mir war lediglich etwas schwindelig. Ich hörte Umar und Mâlik stöhnen, als hilfsbereite Bürger versuchten, uns aus dem Wrack herauszuziehen.

 

Erst nach Ankunft der Feuerwehrmänner konnte man mich befreien. Es war ein schwieriges Unterfangen, meinen angeschlagenen Körper aus dem Schrotthaufen herauszuziehen. Das Atmen ging nur schwer vonstatten. Die Feuerwehrmänner drängelten sich um mich herum und schlossen mich krampfhaft an irgendwelche Geräte an. Jemand sagte: „Er schafft es nicht!“ Wie? Ich schaffe es nicht? Es fühlte sich aber nicht so an, als würde ich sterben. Ich fühlte gar nichts. Mein Herz fing an zu klopfen. Ich war mit Blut getränkt und der Schweiß strömte über meinen Körper. Ich sah, wie Mâlik vor mir stand und mit Tränen in den Augen auf mich herabsah. „Verlass mich nicht!“, sprach er. In dem Moment wusste ich, dass es vorbei war. Ich weinte. Die Feuerwehrmänner brachten ihn weg, damit sie ihre letzten Wiederbelebungsversuche starten konnten. Ich starb. Ein Engel kam zu mir und nahm meine Seele. Ich sah, wie er mit ihr entsetzt hinwegflog. „Wie kannst du nur? Ich bin noch nicht einmal 28“, flehte ich ihn an. „Es ist Zeit.“, antwortete er und ging. Zwei Minuten später zogen sie ein weißes Tuch über meinen leblosen Körper. Umar und Mâlik – offenbar in einem besseren Zustand als ich – zogen das weiße Tuch zurück, um einen letzten Blick auf mich zu werfen. Sie weinten herzzerreißend. Seit meinem 13. Lebensalter kenne ich Umar und Mâlik, und ich habe sie bislang nicht weinen gesehen. Es war ein deprimierender Anblick.

 

Der Tag, an dem ich starb - Teil 2

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