Gefällt dir, wer du bist?

Gefällt dir, wer du bist?
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Gefällt dir, wer du bist, wenn du allein bist? Gefällt dir die Person, die dich anschaut, wenn du vor dem Spiegel stehst? Und wenn du nach einem harten und langen Arbeitstag heimkehrst, bist du eigentlich in der Lage, mit dir selbst Zeit zu verbringen, ohne nach einem Buch, einem Magazin oder nach der Fernbedienung zu greifen? Ist dir der Gedanke, mit dir selbst allein zu sein, etwa unangenehm?

 

Wer von uns hält eigentlich für einen Augenblick inne und stellt sich diese tiefgründigen Fragen? Ich kann mir gut vorstellen, dass vielen Menschen die eigenständig gefundenen Antworten keine Freude bereiten. Kein Wunder, dass so viel Verdrossenheit auf der Welt existiert, denn nur wenige von uns holen das Beste aus sich selbst heraus. Eine gesunde Portion Eigenliebe steigert die persönliche Zufriedenheit. In letzter Zeit habe ich mir diese Fragen sehr oft gestellt. Manchmal gefallen mir die gefundenen Antworten, zu anderen Zeiten wiederum nicht. Wenn mir die Antworten gefallen, liegt es normalerweise daran, dass ich versucht habe, eine gute Tat zu leisten und deswegen ein hohes Maß an Zufriedenheit spüre. Das war aber nicht die Regel.

 

Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, da glaubte ich, Glückseligkeit ist der Ausdruck der von mir erworbenen materiellen Dinge. Dieses falsche Bewusstsein bildete sich in meinen entscheidenden Lebensjahren in Begleitung von Erwachsenen, die das Glück des Menschen mit einer materiellen Lebensführung gleichsetzten.

 

Daher wuchs ich in dem Glauben auf, dass ich alle „trendigen“ Gegenstände haben müsste, um glücklich zu sein. Doch heute ist das anders. Mittlerweile sehe ich davon ab, die Glückseligkeit mit irdischen Freuden gleichzusetzen, denn das aus diesen Dingen wahrgenommene Glücksgefühl ist nicht immerwährend. Allâh sagt: „…das Leben auf dieser Erde ist wahrlich nur ein vergänglicher Genuss…“ (Sûra 40:39)

 

Heute sind es die immateriellen Werte des Lebens – Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann – die mich glücklich und dankbar machen. Es macht mich beispielsweise glücklich, dass ich meine ins Alter gekommene Mutter versorgen kann, während alle Männer ihres vergangenen Lebens sie verlassen haben und sie nur noch ihre Kinder hat. Es macht mich ungeachtet der Entfernung glücklich, einen mit Krebs diagnostizierten Verwandten zu besuchen, wenige Augenblicke mit ihm zu verbringen und sein Leid zu teilen. Es macht mich am Ende eines harten Arbeitstages glücklich, in den Spiegel zu blicken und nicht zurückzuschrecken. Zwar nicht wegen meiner äußeren Erscheinung, sondern weil ich Hoffnung hege, etwas Gutes mit meinem Leben bewirkt zu haben, das auf der jenseitigen Waage für Gut und Böse schwer wiegen wird. Allâh sagt: „Das Wägen erfolgt an jenem Tag der Wahrheit (entsprechend). Wessen Waagschalen schwer sein werden, jene sind es, denen es wohl ergeht.“ (Sûra 7:8)

 

Vor allem kommt es darauf an, dass ich in der Lage bin, die Frage zu beantworten, die ich mir oft stelle: „Wie gut war dein Leben?“ Dass man das Leben auf diese eine Grundfrage reduziert, mag auf den ersten Blick wie eine übertriebene Vereinfachung klingen, aber dies gibt mir die Möglichkeit, in den Abgründen meiner Gefühle zu graben, die Seele bloßzulegen und nichts als das absolut Wesentliche dessen zurückzulassen, was ich wirklich bin. Diese Art der Selbstbefragung ermutigt zum tiefen Nachdenken und zwingt die eigene Seele zu weiteren Fragen:

 

Hast du den Sinn des Lebens erfüllt? Hast du deine Anbetungshandlungen auf beste Art und Weise durchgeführt? Warst du ehrlich mit dir selbst? Bist du für deine Überzeugungen eingetreten? Die Selbstbefragung ist ein Merkmal eines echten Gläubigen. Die eigene Seele rügt, tadelt und stellt kritische Fragen. Es ist die Seele, auf die Allâh im Qurân schwört: „Nein! Ich schwöre bei der Seele, die sich selbst tadelt.“ (Sûra 75:2)

 

Zugegeben, wären die oben stehenden Fragen eine Prüfung, würde ich sagen, dass ich kläglich gescheitert bin. Aber das spielt keine Rolle mehr, denn es kommt nur noch auf das Hier und Jetzt an, denn heute möchte ich alles daran setzen, um der beste Muslim zu sein.

 

Meine Einstellung zum Leben hat sich geändert, denn jeder Augenblick des Lebens zählt, jede Begegnung macht Sinn und jedes rituelle Gebet sollte so verrichtet werden, als wäre es das letzte. Sind das etwa zu hohe Erwartungen? Ich denke nicht. Diese Ziele sind machbar und ich denke, dass die ersten Generationen an Muslimen nur auf diese Weise die Welt positiv prägten. Für sie zählte jeder Moment des Lebens, und nur so eroberten sie diese Welt im Sturm und hinterließen unauslöschliche Spuren in der Menschheitsgeschichte.

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