Sittsamkeit – Ein auf den Kopf gestellter Denkansatz - Teil 1

Sittsamkeit – Ein auf den Kopf gestellter Denkansatz - Teil 1
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Denke an Sittsamkeit (Hayâ)! Was kommt dir in den Sinn? Möglicherweise das Hidschâb-Tragen und sittsames Kleiden? Oder vielleicht das Benutzen von anständiger und sauberer Sprache? Oder möglicherweise würdiges und selbstachtendes Benehmen in der Nähe des anderen Geschlechts? Wenn wir wissen, dass wir in unserer Sittsamkeit versagt haben, verspüren wir die Notwendigkeit uns auf irgendeine Weise zu verändern. Deshalb versuchen wir beispielsweise eher locker sitzende Kleidung zu tragen oder weniger Make-up aufzutragen. Oder wir versuchen vielleicht ein bisschen weniger zu fluchen, seltener anstößige Bilder zu betrachten oder ein bisschen weniger mit einem Freund oder mit Mädchen auf der Arbeit zu flirten. Doch manchmal fällt es uns schwer diese Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu ändern. Woher kommt das? Ein Teilgrund ist, dass wir die inneren spirituellen Dimensionen der Sittsamkeit nicht beachten. Wir versuchen die Symptome zu heilen, ohne das Problem an dessen Wurzel zu behandeln. Es ist fast so, als versuche man eine vertrocknete Pflanze zu retten, indem man deren Blätter in Wasser oder Dünger eintaucht.

 

Was unsere Aufmerksamkeit verlangt, ist weniger offensichtlich. Möglicherweise ist es unsere Einstellung gegenüber Allâh dem Hocherhabenen oder die Reinheit unserer Herzen oder die Tiefe und Stärke unseres Glaubens an Allâh. Wenn wir in unseren Herzen Sittsamkeit und Scham entwickeln, dann wird es leichter für uns, diese Sittsamkeit in unseren Gedanken, Wünschen, Unterhaltungen und Handlungen widerzuspiegeln. Wenn wir Sittsamkeit gegenüber Allâh besitzen, dann werden unsere Verhaltensweisen und unser Umgang mit Seiner Schöpfung selbstredend mehr Sittsamkeit ausstrahlen. Demnach ist Sittsamkeit ein Nebenprodukt und ein Anzeichen für Gottesbewusstsein und Sittsamkeit, die wir in uns hegen.

 

Ich las kürzlich ein Buch, das fast ausschließlich von den inneren Dimensionen der Sittsamkeit handelt. Es heißt Fiqh Al-Hayâ (Verständnis von Sittsamkeit) und ist von Muhammad Al-Muqaddim. Ich habe einige Auszüge übersetzt, von denen ich annahm, dass sie den Kern der Sittsamkeit erfassen und zeigen, wie sie mit dem Imân und unserer Beziehung zu Allâh dem Hocherhabenen zusammenhängen. Der zuletzt übersetzte Teil enthält Methoden, unseren Charakter sowohl innerlich als auch äußerlich mit mehr Sittsamkeit zu schmücken. Möge dies – so Allâh will – für alle von Nutzen sein! 

 

Was ist Hayâ?

 

Sprachlich wird Hayâ von der Wurzel hayiya abgeleitet, was vom Wort Hayâ (Leben) stammt. Heftiger Regen wird als Hayyân bezeichnet, da dieser Erde, Pflanzen und Tiere belebt. Ähnlich werden das Diesseits und das Jenseits als Hayâ bezeichnet. Wer keine Sittsamkeit besitzt, wird im Diesseits seelisch tot und obendrein im Jenseits elend sein. Einige Linguisten sagten: „Das Leben im Gesicht rührt von dessen Sittsamkeit her, genauso wie das Leben eines gepflanzten Samens von dessen Bewässerung herrührt.“

 

Das Niveau der eigenen Sittsamkeit basiert darauf, wie viel Leben das Herz enthält… je lebendiger das Herz also ist, desto vollständiger ist die Sittsamkeit.

Als Terminus technicus wird Sittsamkeit als Veränderung oder Zustand von Demut beschrieben, die beziehungsweise der einen Menschen überkommt, aus der Angst heraus, schuldig zu sein. Ibn Al-Qayyim sagt: „Sittsamkeit ist ein Zustand, der aus der Kombination von Erhöhung und Liebe entsteht. Wenn diese beiden also ein Paar bilden werden, dann wird Sittsamkeit geboren." (Madâridsch As-Salikîn 2/274, und Manâzil As-Sâ’irîn zu finden) Einige Gelehrte sagen, dass sie davon herrührt, Scham im Herzen für etwas zu verspüren und dagegen eine Aversion zu empfinden. 

 

Sie kann auch dann entstehen, wenn die anbetend Dienenden verstehen, dass Allâh der Wahrhaftige sie beobachtet und sie durch eine bestimmte Anstrengung geduldiger macht oder sie sich mit ihren eigenen Sünden unwohl fühlen lässt oder sie dazu bringt, das Klagen zu unterlassen.

 

Sittsamkeit kann auch davon herrühren, dass man die Gaben und Gnaden, die man erhält, erkennt. Dies liegt daran, dass ein großzügiger Mensch gefällige Behandlung nicht mit schlechter Behandlung erwidert.

 

Al-Dschunaid ( Allah   erbarme sich seiner ) sagte: „Sittsamkeit bedeutet, die Zeichen zu erkennen und sich seiner Unzulänglichkeiten bewusst zu sein. Aus diesen beiden entwickelt sich ein Zustand der Sittsamkeit. In Wahrheit ist Sittsamkeit ein Charakterzug, der einen Menschen dazu ermuntert, schändliche Dinge zu unterlassen, und einen davon abhält, die Rechte des Einen zu vernachlässigen, Der sie am meisten verdient." (Riyâd As-Sâlihîn S.246)

 

Sittsamkeit und Glaube

 

Es ist überliefert, dass der Prophet Muhammad (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte: „Sittsamkeit und Glaube sind zwei Gefährten. Wenn also einer schwindet, dann schwindet auch der andere." (Überliefert von Al-Hakîm)

 

Er (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte ferner: „Sittsamkeit ist ein Teil des Glaubens." (Überliefert von Muslim) Imâm An-Nawawî ( Allah   erbarme sich seiner ) berichtete, dass Al-Qâdî Iyâd sagte: „Sittsamkeit wurde geschaffen, um ein Teil des Glaubens zu sein – selbst wenn sie angeboren ist –, da sie, wie alle anderen rechtschaffenen Handlungen, entweder angeeignet und übernommen wird oder eine eigene natürliche Veranlagung sein kann. Sittsamkeit gemäß der islâmischen Rechtssprechung zu praktizieren erfordert, dass man sie sich mit der richtigen Absicht und mit fundiertem Wissen aneignet. Aus diesem Grunde ist Sittsamkeit ein Teil des Glaubens. Ein weiterer Grund ist, dass Sittsamkeit den Menschen dazu ermuntert, rechtschaffene Taten zu verrichten und einen davon abhält, Sünden zu begehen." (An-Nawawîs Erläuterung zu Sahîh Muslim 2/5)

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