Gefangenschaft des Körpers, Befreiung der Seele - Teil 1

Gefangenschaft des Körpers, Befreiung der Seele - Teil 1
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Warum der Islâm die Seelen von Gefangenen befreien kann: Lehren aus dem Leben von Ahmad ibn Taimiya

„Wie viele von uns sind in der Lage, ihre Gelüste zu überwinden und der Versuchung des Sündigens zu widerstehen? Wie viele von uns senken den Blick, wenn sie etwas ansehen, was sie nicht ansehen sollten? Der wahre Häftling ist derjenige, dessen Herz vom Gedenken seines Herrn abgehalten wird. Und der wahre Gefangene ist derjenige, der in seinen Launen und Gelüsten gefangen ist.“

Diese tiefgründige Aussage des berühmten Gelehrten Ahmad ibn Taimiya fasst den Kerngehalt des Islâm zusammen und trifft für das heutige Leben genauso zu, wie es dies vor mehr als 800 Jahren tat, als sie zum ersten Mal getroffen wurde. Wie konnte ein Mann, der beträchtliche Zeit entfernt von seinem Heim und seiner Familie im Gefängnis verbrachte, zu einem Zeitpunkt zufrieden sein, zu dem die meisten niedergeschlagen gewesen wären? Dies war die erwähnenswerte Persönlichkeit Ibn Taimiyas, der seine Seele von der körperlichen Gefangenschaft befreite, in der er sechs Jahre seines Lebens verbrachte.

Er wurde im Jahre 1263 nach Christus (661 nach der Hidschra) in gesellschaftspolitischen Umständen geboren, die den Umständen der heutigen Zeit auffallend ähnelten. Er wurde in einer Zeit eines großen kulturellen und politischen Umbruchs geboren – nur fünf Jahre vor seiner Geburt wurde Bagdad verwüstet und von den Tataren gnadenlos zerstört. Ibn Taimiya wuchs mit tiefer Abneigung gegen Unterdrückung auf, wegen der Invasionen der Tartaren, die seine Eltern dazu veranlassten, nach Syrien auszuwandern. Er stand unbeugsam für die Wahrheit ein und vertrat oft Meinungen, die den Meinungen der Herrscher oder anderer berühmter Organisationen nicht entsprachen. Deshalb kam er oft ungerechterweise ins Gefängnis. Trotz derartiger Rückschläge hielt er durch und nutzte seine Zeit vernünftig, um sich selbst wie auch der Welt nützlich zu sein. Ibn Taimiya war fähig die Qual unvertretbarer Meinungen zu überwinden, indem er den Islâm richtig in seinem Leben umsetzte. Er verstand richtig, dass der Islâm ein Mittel für das Herz bietet, in einem Zustand der Ruhe und Harmonie zu existieren, obgleich man sich in einem körperlich beengten Zustand befindet.

Wie kann es sein, dass der Islâm die Seelen von eingesperrten Menschen befreit, wodurch sie klar denken, zufrieden sein, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung vorankommen und sogar nützlich für die weite Weltgemeinschaft sein können? Die Hauptkonzepte des Islâm, optimistisch zu bleiben, die Bestimmung Allâhs zu akzeptieren und an das Jenseits zu glauben, verleihen eingekerkerten Muslimen auf der ganzen Welt Hoffnung und die Erwartung, dass gute Dinge geschehen werden, ungeachtet ihrer Umstände, der Dauer der Gefangenschaft oder des Verlusts jeglicher weltlicher Annehmlichkeiten. Das Realisieren islâmischer Lehren passt sowohl zu Menschen, die tatsächlich eine Straftat begingen und diese dann bereuen, als auch für jene, die ungerechterweise eingesperrt wurden. Im Islâm geht die optimistische Weltanschauung mit der Zufriedenheit über die Bestimmung Allâhs einher. Betrachte folgenden Vers über das Verständnis der göttlichen Bestimmung:

„Kein Unglück trifft ein auf der Erde oder bei euch selbst, ohne dass es in einem Buch (verzeichnet) wäre, bevor Wir es erschaffen - gewiss, dies ist Allâh ein Leichtes -, damit ihr nicht betrübt seid über das, was euch entgangen ist, und euch nicht (zu sehr) freut über das, was Er euch gegeben hat. Und Allâh liebt niemanden, der eingebildet und prahlerisch ist.“ (Sûra 57:22-23).

Ibn Kathîr berichtet in seiner Exegese zum ehrwürdigen Qurân, dass Allâh im ersten Vers verdeutlicht, dass Er völlige Kontrolle über alle Angelegenheiten im Universum hat und dass Er alles aufgezeichnet hat, was irgendjemandem irgendwann widerfahren wird. Außerdem schafft Allâh den Menschen Drangsal, um sie zu prüfen. Diese Exegese ist in vielen anderen Versen und Aussagen des Propheten Muhammad (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) zu finden. Der zweite Vers liefert dann einen schönen Grund, warum wir uns Allâhs Plans bewusst sein sollten: Er hat alles aufgezeichnet, was uns widerfahren ist und widerfahren wird, ungeachtet der Zeit des Eintritts dieser Ereignisse. Allâh zeigt uns damit Seine Barmherzigkeit, wie Er sagt: „… damit ihr nicht betrübt seid …“ Diese Anweisung, Geduld und Dankbarkeit zu üben, verhilft einem trauernden Häftling aus seiner Misere, da er einsieht, dass es weder einen Sinn macht über Drangsal zu trauern noch auf Grund des Guten, das ihm widerfahren ist, hochmütig zu sein. Wenn jemand vielmehr versteht, dass jede Unannehmlichkeit eine Prüfung von Allâh ist, um zu sehen, wie stark sein Glaube ist, dann wird es einfacher für ihn, mit dem Leben zufrieden zu sein. Wie verstand Ibn Taimiya dann dieses Konzept, das seinem Herz Ruhe verlieh? Das Nachdenken über den Vers, den Ibn Taimiya rezitierte, als er im Jahre 712 (n. H.) das Festungsgefängnis in Syrien betrat, offenbart seine optimistische Einstellung und dass er offensichtlich nicht traurig oder bedrückt war:

„… Da wird zwischen ihnen eine (Schutz)mauer gesetzt mit einem Tor, zu dessen Innenseite die Barmherzigkeit und zu dessen Außenseite, davor, die Strafe ist.“ (Sûra 57:13).

Ibn Taimiya empfand das Gefängnis als sicheren Zufluchtsort, während andere es als düsteres Verlies betrachteten. Wie und warum betrachtete Ibn Taimiya das Gefängnis in dieser Weise? Offensichtlich wollte er nicht ins Gefängnis gehen, da er immerzu versuchte, seine Meinungen zu verteidigen. Dennoch beschwerte er sich nie, wenn ihm eine Haftstrafe auferlegt wurde. Sein bester Schüler und einer der herausragendsten Gelehrten in der Geschichte des Islâm, Ibn Al-Qayyim Al-Dschauziyya, berichtete, dass Ibn Taimiya sagte:

„Was um alles in der Welt können meine Feinde mir schon antun? Mein Paradies ist in meinem Herzen und begleitet mich, wohin ich auch gehe. Meine Gefangenschaft ist Abgeschiedenheit, die mir dabei hilft, Allâh besser anzubeten, meine Tötung ist ein Märtyrertod und meine Abschiebung aus meinem Land ist ein Erblicken der Welt.“

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