Das Praktizieren des Islâm im Alltag - Teil 1

Das Praktizieren des Islâm im Alltag - Teil 1
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Die Muslime behaupten zu Recht, dass der Islâm nicht lediglich ein abstraktes Ideal ist, das einzig und allein zur symbolischen Verehrung konzipiert wurde, und auch kein ruhendes Götzenbild, das von Verehrern ab und an besucht werden muss. Der Islâm ist eine Lebensweise, eine lebendige Antriebskraft, die sich in jedem Aspekt im Leben des Menschen zeigt. Die Muslime behaupten außerdem, dass der Mensch das Gravitationszentrum und das lancierende Instrument ist, das den Islâm oder auch jedes andere System in vollem Umfang in die Tat umsetzen kann. Aus diesem Grund beginnt der Islâm immer mit dem Menschen und zieht stets Qualität gegenüber Quantität vor.

 

Lasst uns dort beginnen, wo der Islâm beginnt: Beim Menschen! Lasst uns die natürliche Veranlagung des Menschen erkunden und herausfinden, wie der Islâm diese natürliche Veranlagung betrachtet! Um die Dinge so weit wie möglich zu verdeutlichen, ohne in philosophische Dispute oder abstrakte Kontroversen zu geraten, können wir den Menschen als Wesen mit zwei komplementären natürlichen Veranlagungen definieren, die sehr eng miteinander verknüpft sind und ständig miteinander interagieren. Dabei handelt es sich um die innere und die äußere Veranlagung. Man könnte auch sagen, dass der Mensch nur eine natürliche Veranlagung mit zwei durch eine Brücke verbundenen Teilbereichen besitzt, die kaum voneinander zu trennen sind: Ein innerer und ein äußerer. Die innere Veranlagung des Menschen bezieht sich auf „Rûh“ (die Seele,  das Selbst, der Geist) und „Aql“ (der Verstand, der Intellekt).

 

Bei unserer Darstellung der inneren Veranlagung des Menschen werden wir zwei Aspekte behandeln: (1) Den spirituellen oder moralischen Aspekt und (2) den intellektuellen Aspekt. Die übrigen Aktivitäten und Unternehmungen des Menschen werden als externe oder äußere Veranlagung des Menschen eingestuft. Schließlich ist es eine allgemein anerkannte Tatsache, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt.

 

Das spirituelle Leben

 

Der Islâm gestaltet das spirituelle und moralische Leben des Menschen in einer Art und Weise, dass er mit all der spirituellen Versorgung ausgestattet ist, die er für Tugendhaftigkeit und Rechtschaffenheit, für Sicherheit und Frieden benötigt. Die islâmische Weisung für das spirituelle Leben des Menschen gewährt - wenn getreu umgesetzt - hinsichtlich des Wachstums und der Reife des Menschen maximal positive Ergebnisse. Die Hauptbestandteile dieser islâmischen Weisung sind:

 

1. Gebete.
2. Entrichten der Zakâ oder Almosengeben.
3. Fasten.
4. Haddsch.
5. Liebe für Allâh und Seinen Gesandten, Liebe für Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit – um Allâhs willen.
6. Zu allen Zeiten Hoffnung und Vertrauen auf Allâh.
7. Aufopferung für Allâh durch wirkliche Selbstlosigkeit.

 

Verschiedene Aspekte dieser Bestandteile wurden bereits im Detail erläutert. An dieser Stelle muss lediglich ergänzt werden, dass es - was den Islâm betrifft - ohne diese grundlegenden Elemente keinen wahren Glauben geben kann. Der Leser ist gut beraten, in den vorangegangenen Abschnitten dieses Werks nachzulesen.

 

Das intellektuelle Leben

 

Die intellektuelle Natur des Menschen besteht - wie bereits erwähnt - aus Verstand, Intelligenz oder logischem Denkvermögen. Diesem Aspekt schenkt der Islâm besondere Aufmerksamkeit und er baut das intellektuelle Gefüge des Menschen auf äußerst soliden Fundamenten, die wie folgt klassifiziert werden können:

 

1. Korrektes Wissen, basierend auf eindeutigen Beweisen und unbestreitbaren Belegen, die durch „Erfahrung“, Experimente oder durch beides erlangt wurden. In diesem Zusammenhang kann man mit Sicherheit und zweifellos sagen, dass der Qurân die erste Quelle ist, die das eifrige Streben nach Wissen durch „Erfahrung“ sowie durch Experimente, Meditation und Beobachtung vorschreibt. Die Pflicht eines jeden Muslims und einer jeder Muslimin, im weitesten Sinne des Wortes nach Wissen zu streben und nach der Wahrheit zu suchen, ist sogar ein Gebot Allâhs. Die Natur und das Universum sind stets enthüllende Schätze der Erkenntnis und Wahrheit, und der Qurân ist das erste Buch, das auf diese reichhaltigen Wissensquellen hinweist. Er akzeptiert keine übernommenen „Wahrheiten“ oder angeblichen Tatsachen, die über keinen substantiellen Beweis oder Beleg verfügen. Soweit wir in Erfahrung bringen konnten, ist der Qurân die erste Schrift, die das „Warum?“ vernünftig erklärt und zur Unterstützung jeglicher Überzeugungen oder Behauptungen Beweise fordert. (Sûra 2:111 und 21:24).

 

Der Qurân an sich ist eine herausragende intellektuelle Herausforderung; er fordert den Menschenverstand heraus, jegliche Wahrheit des Qurân zu disputieren, oder etwas hervorzubringen, das dem Qurân gleicht. Beim Aufschlagen einer beliebigen Qurân-Sûra wird man die herzlichsten Appelle finden, in den endlosen Quellen der Natur nach Wissen zu streben. Die Hingabe zu wahrer Erkenntnis wird im Islâm in höchst kompensierendem Sinn als Hingabe zu Allâh betrachtet.

 

2. Der zweite Aspekt dieser Angelegenheit ist der Glaube an Allâh, eine stets enthüllende Wissensquelle und ein spiritueller Einblick in unzählbare Gedankenbereiche. Im Islâm ist der Glaube an Allâh der Eckstein des gesamten religiösen Bauwerks. Um den Glauben an Allâh jedoch valid zu machen, verlangt der Islâm, dass er auf unerschütterlichen Gewissheiten und Überzeugungen beruht. Diese können wiederum ohne eine korrekte Beteiligung des Geistes nicht erlangt werden. Ein stagnierender oder gleichgültiger Verstand und ein begrenztes Sehvermögen können weder die Höhe der uneingeschränkten Wahrheit, sprich Allâh, noch die wahren Tiefgründigkeiten des Glaubens erreichen.

 

Der Islâm erkennt den Glauben nicht an, wenn er durch blinde Nachahmung erlangt oder blind oder fraglos angenommen wird. Diese Tatsache ist hinsichtlich des intellektuellen Lebens des Menschen insofern sehr wichtig, als der Islâm den Glauben an Allâh erfordert; und im Qurân gibt es zahlreiche Aussagen, die zum Glauben an Allâh aufrufen. Das Signifikante dieser Aussagen liegt jedoch nicht darin, sie im Studienzimmer oder sogar im Verstand unbeachtet beiseitezulegen. Das Signifikante dieser Aussagen liegt vielmehr darin, dass sie eine herzliche Einladung und einen dringenden Appell an den Intellekt richten, aufzuwachen und zu denken, nachzusinnen und zu meditieren. Es ist wahr, dass der Qurân die Wesenswahrheit und Tatsachen über Allâh offenlegt. Es ist jedoch auch wahr, dass er nicht will, dass der Mensch sich wie ein fauler Erbe verhält, der selbst keine Anstrengungen unternimmt. Er möchte, dass der Mensch seinen intellektuellen Reichtum durch ernsthaftes Bemühen und ehrlichen Ertrag mehrt, um intellektuelle Geborgenheit zu erlangen. „Wie gewonnen, so zerronnen!“ Der Islâm missbilligt einen leicht gewonnenen Glauben, der zwangsläufig leicht zerrinnt. Der Islâm möchte, dass der Glaube an Allâh wirksam und dauerhaft ist, dass er jede Ecke im Herzen des Menschen erleuchtet und in jedem Aspekt seines Lebens vorherrscht. Ein leicht gewonnener Glaube kann dies unmöglich realisieren, und der Islâm akzeptiert nichts Geringeres.

 

Wenn der Islâm einen Glauben an Allâh auf der Grundlage von Wissen und Forschung verlangt, hält er dem Intellekt alle Gedankenbereiche offen, damit er sie soweit wie möglich durchdringt. Er macht dem freien Denker, der nach Wissen strebt, um seinen Weitblick und seinen geistigen Horizont zu erweitern, keine Einschränkungen. Er drängt ihn dazu, sich aller Erkenntnismethoden zu bedienen, ganz gleich, ob diese rein rational oder experimentell sind. Indem sich der Islâm in dieser Weise an den Intellekt wendet, zeigt er Hochachtung für und Vertrauen in die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen und möchte dessen Verstand von den engen Fesseln und Grenzen des Greifbaren befreien. Er möchte das Individuum erhöhen und es mit Selbstbewusstsein und göttlicher Autorität stärken, um die Domäne seines Verstandes in alle Gedankenbereiche auszudehnen: Physische und metaphysische, wissenschaftliche und philosophische, intuitive und experimentelle, organische und andere. So nährt der Glaube an Allâh den Intellekt und macht das intellektuelle Leben florierend und produktiv. Werden die spirituellen und intellektuellen Aktivitäten des Menschen - wie bereits erwähnt - gemäß der Lehren des Islâm gestaltet, dann wird die innere Veranlagung des Menschen vernünftig und gesund sein. Und wenn der Mensch von seinem Inneren her sicher und vernünftig ist, dann wird auch sein äußeres Leben gleicher Natur sein.

 

Das Praktizieren des Islâm im Alltag - Teil 2

 

 

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