Stunden der Verzweiflung und das letzte Drittel der Nacht

Stunden der Verzweiflung und das letzte Drittel der Nacht
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Ich konnte nicht schlafen. Keine Ruhe ist den untröstlich Lebenden gegönnt, die vor lauter Angst erschöpft sind. Ich habe wortwörtlich alles versucht: Ich drehte mich, wendete mich und sprach den Tasbîh, anstatt Schafe zu zählen. Ich lauschte dem Qurân, um die zahlreichen Sorgen zu übertönen, die sich in meinem Kopf abspielten. Die Zeiten sind hart und sie spiegeln sich in meiner Ratlosigkeit wider. Ich war dringend auf ein Bittgebet angewiesen, soweit ich den Willen dazu aufbringen konnte. Rituelles Gebet, Bittgebete, subhân Allâh, wie sehr ich doch diese benötigte. Was sonst könnte mich denn beruhigen?

Die Morgendämmerung rückte immer näher, so dass ich mich im letzten Drittel der Nacht befand. Allâh verspricht, unser Du‘â zu beantworten, wann immer wir Ihn bitten. Wenn dann noch ein verzweifelt Bittender zur besten Zeit die Hände erhebt, gibt es gewiss eine Antwort. Es ist, als würde man die Unendlichkeit mit zwei multiplizieren.

Ich war zu einem seltenen Zeitpunkt wach, wenn ich normalerweise tief schlafe. Schlaflosigkeit wurde zu einem verborgenen Segen. Es scheint, dass unsere Seelen viel klüger sind als unsere Körper. Unsere Seelen wissen, dass wir Allâhs Hilfe brauchen. Darum können wir schlecht bei Stress einschlafen. Also halten sie uns die ganze Nacht wach, damit wir auf die beste Zeit warten, um Bittgebete zu sprechen. Ich könnte Allâh sogar darum bitten, dass Er meine müden Augen zur Ruhe bringt – Er würde in-schâ-Allâh darauf antworten.

Am nächsten Tag, so gegen Mittag, dachte ich an meine Freunde und meine Familie in Chicago, während ich mich in Ägypten aufhielt. Sie waren so weit weg. Ich vermisste sie sehr, inmitten des Gefühls der Einsamkeit, an das ich mich so sehr gewöhnt hatte. Alles setzte zur gleichen Zeit ein.

Es bestand ein acht Stunden Zeitunterschied. In Ägypten war es 4:00 Uhr morgens. Womöglich schliefen sie alle. Es war zu früh, um anzurufen. Aber dann dachte ich: Bei Allâh! (Ich dachte das im wahrsten Sinne des Wortes.) Allâh steigt in Chicago zum untersten Himmel herab! Ich war überglücklich. Ich müsste nicht warten, bis das letzte Drittel der Nacht vor Ort eintritt, um ein wirkungsvolles Bittgebet zu sprechen, denn es war in greifbarer Nähe, nur nicht hier, aber dafür irgendwo anders! Meine Familie könnte Du‘â für mich machen. Dann fiel mir Folgendes ein: Keine Sekunde vergeht, ohne dass Allâh irgendwo in der Welt zum untersten Himmel herabsteigt und fragt: „Wer ruft mich an, damit Ich ihn erhöre? Wer verlangt (etwas) von Mir, damit Ich es ihm gebe? Wer bittet Mich um Vergebung, damit Ich ihm vergebe?“

Allâh sagt: „Und wenn dich Meine Diener nach Mir fragen, so bin Ich nahe; Ich erhöre den Ruf des Bittenden, wenn er Mich anruft. So sollen sie nun auf Mich hören und an Mich glauben, auf dass sie besonnen handeln mögen“ (Sûra 2:186).

Allâh ist immer bei uns, näher als unsere Halsschlagader.

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