Islam Web

  1. Haddsch & Umra
  2. Artikel
  3. Kinder

Ein unbeliebter Vater – Teil 1

Ein unbeliebter Vater – Teil 1

„Vater! Ich hasse dich!“, schrie der Sohn einst vor seinem Vater. Es war wie ein Donnerschlag, der die Ohren des Vaters betäubte. Der Vater stand auf, geschockt von den schlimmsten Worten, die er je in seinem Leben gehört hatte.

Bedauerlicherweise vernahm er sie von jemandem, von dem er dachte, dieser würde ihm besonders nahestehen: Sein Sohn ist ein Teil von ihm, sein Augapfel und einer, der ihm am meisten am Herzen liegt.  Zu wem hat er diese Worte gesagt? Er sagte sie zu seinem Vater. Dieser sorgt für ihn, kümmert sich um ihn und verbringt Nächte wach, um das Leben seines Sohnes optimal zu gestalten. Wie konnte er solche Worte zum eigenen Vater sagen? Wen könnte er hiernach lieben, wenn er seinen eigenen Vater hasst? Ein Schockgefühl und Taubheit befielen den Vater aufgrund dieser unerwarteten Situation. Was sollte er tun? Was wäre eine geeignete Reaktion? Ihn schlagen? Einfach verlassen und weggehen? Oder doch umarmen? Keine dieser Reaktionen wird dieser schrecklichen Situation gerecht.

Lieber Leser, wenn ein Freund von dir von diesem Vorfall erzählen und dich um deinen Rat bitten würde, was wäre deine Antwort?

Wie auch immer die Antwort aussehen mag, überstürze nichts und beschuldige nicht den Sohn, als ob der Vater das Opfer und der Sohn der Täter wäre. Diese Situation ist im Grunde die Folge, nicht die Ursache. Tragischerweise war der Sohn das Opfer, denn der Vater fügte ihm psychisch Leid zu. Die hasserfüllten Worte des Sohnes waren wie ein Ventil, um Luft abzulassen, nicht die Ursache an sich. In Wirklichkeit leidet der Sohn unter dem Vater und ist frustriert und gab Worte von sich, die ihm auf der Seele lagen. Bevor ich hier beschuldigt werde, möchte ich die Angelegenheit verdeutlichen.

Falsche Lebensweisheiten:

Viele Eltern haben in ihren Köpfen eingeprägte Sprüche, die zu unerschütterlichen Grundsätzen mutiert sind und daher an ihnen mittels Argument oder Diskussion nicht gerüttelt werden kann. Zu diesen gehören Phrasen wie: „Alle Kinder lieben ihre Eltern“, „die Liebe des Sohnes zu seinem Vater ist eine religiöse Pflicht“, „Kinder lieben ihre Eltern von Natur aus“, und so weiter.

In solchen Grundsätzen sehen viele Eltern eine unrealistische rote Linie, die das Kind niemals überschreiten oder auch nur annähernd erreichen darf. Eine Übertretung dieser Linie ist aus der Sicht der Eltern prinzipiell unmöglich und somit unvorstellbar, dass ein Kind eine Form des Hasses auf den Vater oder die Mutter entwickeln könnte. Es kann vorkommen, dass die Eltern dem Kind einige dieser Grundsätze aufzwingen und es auffordern, sich entweder direkt oder indirekt zu ergeben. Wird das Kind z. B. gefragt: „Wen magst du am meisten?“, wird dementsprechend folgende Antwort erwartet: „Meine Mutter, mein Vater oder beide.“

In Wirklichkeit sind diese Regeln und Grundsätze in den Köpfen der Eltern nur eine Mischung aus falschen Vorstellungen. Diese sind von Grund auf falsch. Das liegt daran, dass verschiedene Konzepte miteinander vermischt werden, von denen man fälschlicherweise annimmt, sie seien gleich oder ähnlich. Hinzu kommen Missverständnisse in einigen religiösen Angelegenheiten.

Pflichterfüllung und Liebe:

Die Pflicht zur Ehrerbietung gegenüber den Eltern ist ein wesentliches islâmisches Prinzip. Allâh der Allmächtige erwähnt diese Pflicht gemeinsam mit der Pflicht zur Ibâda. Allâh der Erhabene sagt im Qurân: „Und dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen und zu den Eltern gütig sein sollt“ (Sûra 17:23). Andererseits droht Allâh der Erhabene jenen, die sich der Verantwortung gegenüber ihren Eltern entziehen, mit einer strengen Strafe sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte: „Es gibt keine Sünde, die in dieser Welt zusätzlich zu dem, was im Jenseits wartet, einer von Allâh beschleunigten Strafe würdiger wäre, als Unterdrückung und Abbruch der Verwandtschaftsbande.“

Hier stellt sich die Frage: Bedeutet die Pflicht zur gütigen Behandlung der Eltern, dass man gezwungen ist, sie zu lieben? Mit anderen Worten: Akzeptiert Allâh der Allmächtige die Ehrerbietung der Kinder gegenüber ihren Eltern nicht, wenn sie ihre Eltern nicht lieben?
 

Verwandte Artikel

Vorzüge des Haddsch und der Umra

  • Unser Weg zu einem vollkommenen Haddsch

    Allâh, der über alles Erhabene, wird denjenigen großzügig belohnen, der den Haddsch in vollkommener Form verrichtet. Hierzu sagte der Prophet Möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken: „…und der fromm verrichtete Haddsch wird ausschließlich mit dem...

  • Die gottesdienstlichen Handlungen des Propheten während der Haddsch: Teil 1

    Der Haddsch ist eine der wichtigsten Ibâdât (gottesdienstl. Handlungen) im Islâm. Sie zu verrichtet heißt, dem Beispiel des Propheten (Möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) wahrhaft zu folgen. Bedauerlicherweise wurden in letzter Zeit Fatwas über häufig...

  • Die Pilgerfahrt (der Haddsch) - Teil 2

    Da die Stammesführer den Streit untereinander nicht beilegen konnten, einigten sie sich darauf, den ersten...