Den Qurân missverstehen – wie ist das zu beurteilen?
Fatwâ-Nummer: 216226

  • Fatwâ-Datum:25-10-2020
  • Bewertung:

Frage

In Sûra Al-Mudatthir heißt es: „Lasse Mich (allein) mit wem Ich allein erschaffen habe” (Sûra 74:11). Ich hatte dies immer so verstanden, dass der Sprechende hier eine sündhafte Person oder ein Glaubensverweigerer sei, und eben nicht Allâh – mögen wir bei Ihm Zuflucht finden. Ich hatte verstanden, dass diese Person dies am Tag der Auferstehung sagen würde, wenn sie allein zur Verantwortung gezogen wird. Das Wort „chalaqtu“ (ich habe erschaffen) hatte ich als „chuliqtu“ (ich wurde erschaffen) gelesen. Dies hatte mich stark beeindruckt, bis mir gestern der Kontext der Sûra bewusst wurde.
Wie ist meine Situation zu beurteilen? Gilt das nun als Glaubensverweigerung (Kufr), weil ich die Verse hätte richtig verstehen müssen? Ich hatte auch nicht behauptet, dass die ursprünglich von mir eingebildete Bedeutung die richtige gewesen sei. Ich hatte mir vorgestellt, dass es um einen Menschen gehe, der am Tage der Auferstehung allein abgeurteilt wird, und ich war nicht auf die Idee gekommen, dass der Sprecher hier Allâh der Erhabene sei.

Antwort

Der Lobpreis gebührt Allâh und möge Allâh Seinen Gesandten sowie dessen Familie und Gefährten in Ehren halten und ihnen Wohlergehen schenken!

 

Eine Person kann nicht als Glaubensverweigerer (Kâfir) bezeichnet werden, nur weil sie die Bedeutung der Qurânverse falsch verstanden hat. Auch zur Prophetenzeit kam es vor, dass Verse von einigen Prophetengefährten missverstanden wurden. In einem solchen Fall leitete der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sie zum richtigen Verständnis und bezeichnete keinen von ihnen als Glaubensverweiger. Ein Beispiel hierfür wird bei Al-Buchârî und Muslim von Adî ibn Hâtim (möge Allâh mit ihm zufrieden sein) im Zusammenhang mit dem Fasten im Ramadân berichtet: „Als der Vers ‚Und esst und trinkt, bis sich für euch der weiße vom schwarzen Faden der Morgendämmerung klar unterscheidet’ herabkam, nahm ich ein schwarzes und ein weißes Band und legte beide unter mein Kopfkissen. Des Nachts schaute ich auf sie, konnte sie aber nicht unterscheiden. Am Morgen ging ich zum Gesandten Allâhs (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) und berichtete ihm dies. Da sagte er: ‚Gemeint ist hiermit die Schwärze der Nacht und das Weiße des Tages (die sich in der Morgendämmerung am Himmel voneinander abheben; Anm. d. Ü.).“

 

In den beiden Sahîh-Werken wird von Ibn Mas’ûd (möge Allâh mit ihm zufrieden sein) berichtet, dass er sagte: „Als der Vers ‚Diejenigen, die glauben und ihren Glauben nicht mit Ungerechtigkeit verdecken‘ (Sûra 6:82) herabkam, war dies für die Gefährten des Gesandten Allâhs (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) eine starke Belastung. Und sie sagten: ‚Wen gibt es schon unter uns, der nicht ungerechte und unrechte Taten begeht?‘ Daraufhin sagte der Gesandte Allâhs: ‚Es ist nicht so, wie ihr vermutet. Es ist vielmehr so, wie Luqmân zu seinem Sohn sagt: »O mein lieber Sohn, geselle Allâh nichts bei, denn Götzendienst ist fürwahr ein gewaltiges Unrecht«‘ (Sûra 31:13).“

 

Unsere Empfehlung ist, regelmäßig die Werke der Qurân-Exegese zu studieren, um ein Verständnis für den edlen Qurân zu erreichen.

 

Und Allâh weiß es am besten!

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